Wish-Competence und Wisch-Kompetenz

Oder: Wie ein Tablet und ein Smartphone nahezu gleichzeitig kaputt gingen!

Berühren, zoomen, wischen: Diese Touchscreen-Bewegungen entsprechen laut Kunstpädagoge Prof. Dr. Georg Peez (Goethe Universität, Frankfurt) den frühkindlichen Bewegungsmuster, wenn Babys zwischen acht und dreizehn Monaten beginnen, mit ihrem Zeigefinger Brei auf der Tischplatte zu verschmieren. Das Tablet ist leicht, handlich und einfach zu bedienen- also wie für Kinderhände gemacht.  Aber vielleicht sollte man dennoch etwas üben: Besonders wenn das Kind, wie meine Tochter, dazu neigt, feinmotorisch nicht unbedingt ein „Digital-Native“ zu sein…

 


Die Mama ist ein Tablet-Muffel Teil 1:


Ich beschrieb mich als zufrieden mit meinem Smartphone. Sehr zufrieden sogar. Damit konnte ich alles machen, was ich so brauchte, weshalb sollte ich mir daher ein Tablet zulegen? Das war doch im Prinzip dasselbe wie ein Handy, nur in Groß. Und das Tippen ohne eigentliche Tastatur hasste ich. Am Smartphone und am Tablet. Hierfür gab es den PC oder den Laptop. Meine Meinung war relativ unerschütterlich.

Nur ungefähr drei, viermal im Jahr gab es einen kurzen Augenblick, während der siebenstündigen Zugfahrt mit Kind, von Wien nach Vorarlberg zu meiner Familie, in welchem ich mir eingestand, dass so ein I-Pad doch recht praktisch wäre. Handlicher, als den Laptop mitzuschleppen, damit meine Kleine während der Reise DVD gucken kann. Entspannender als das dritte Comic-Heft und fünfte Kinderbuch vorzulesen, die zehntausendste Runde Disney-UNO zu spielen, während im Hintergrund in einer Endlosschleife ORF-Konfetti-TV im ÖBB-Großraumwagen-Kinderkino lief und man inzwischen jede Matz mitsingen konnte.

Aber neben besagtem Urlaubs-Argument gab es für mich keinerlei Gründe, überhaupt über das Thema Tablet nachzudenken. Und kaum wieder in Wien angekommen, wurde auch nicht mehr über solch ein Gerät sinniert.

Doch dann kam meine Tochter: In ihrem letzten Kindergartenjahr. Es war noch Herbst, nicht einmal das Erntedank-Fest gefeiert und sie hatte bereits einen fixen Weihnachtswunsch formuliert. „Ich wünsche mir ein I-Pad zu Weihnachten. Oder zum Geburtstag von dir, wenn es sich für das Christkind nicht ausgeht.“

 


Kinder-Kampagne für das Tablet:


Der Geburtstag meines Sprösslings wird Anfang Jänner gefeiert, eine geringe Zeitspanne zwischen Heiligabend und ihrem Ehrentag. Die Fünfjährige wollte es nicht auf den Zufall ankommen lassen: Einer ihrer Geschenke-Geber, sei es das Christkind oder die Eltern, musste ihr das Tablet nun schenken.

„Okay“, meinte ich damals, in der Hoffnung dieses Begehr würde, wie so viele andere ihrer Konsum-Verlangen im Supermarkt, im Laufe der Zeit wieder verpuffen. „Schreib es dann einfach auf deinen Wunschzettel. Aber den machen wir dann im Winter, ja?“ Die Kleine fand dies logisch und war mit meiner Aussage zufrieden. Weihnachts-Wunschzettel im Oktober schienen doch recht früh datiert. Aber sie ließ ab diesem Zeitpunkt keine Gelegenheit mehr aus, um mir und ihrem Vater deutlich zu zeigen, wie praktisch, unerlässlich und sowieso dringend gebraucht dieses Tablet für sie war.

„Alle im Kindergarten haben ein I-Pad!“ beschwerte sie sich beim Abholen. „Da kann man so tolle Spiele drauf spielen, Mama, da würde ich dich jetzt nicht nerven!“ meinte sie konstruktiv während wir länger beim Doktor warten mussten und sie fortlaufend aus Langeweile auf die Toilette wollte. „Da könnte ich jetzt meine Serie drauf gucken“ wurde gejammert, als wir „Tom und Jerry“  im TV verpasst hatten. „Da könnte ich dann auch Fotos drauf schauen“ gab sie beleidigt zurück, als ich ihr nicht erlaubte, mit meinem Smartphone zu spielen. „Die Lana hat da so ein Tier oben, das muss sie füttern und so, dann brauchst du mir auch keine Katze zu kaufen“, erzählte sie von der neusten Errungenschaft ihrer Freundin.

Von Oktober bis Dezember gab es fast täglich einen kleinen Exkurs über die Vorteile und Nutzen eines Tablets.

Das Kindergartenkind blieb beharrlich. Und ich wurde mürber in meiner Anti-Tablet-Einstellung: Wenn es solch ein Herzenswunsch der Kleinen darstellte, wenn sie sich so sehr bemühte, mir und ihrem Vater dieses Ding zu verkaufen, wenn sie mit einer solchen Begeisterung davon erzählte, sie monatelang von nichts anderem sprach: dann durfte man ihr doch nicht nein sagen!

So hörte ich mich selbst begründen, als ich kurz vor Weihnachten die Geschenke-Liste in der Familie abstimmte und mitteilte, dass meine Tochter ein Tablet zum Geburtstag bekommen würde. Schließlich konnte man dem Gerät gewisse Vorteile nicht abstreiten. Schließlich sei es doch recht praktisch für den Urlaub und so. Die Fünfjährige hatte mich weich geklopft. Aber sowas von!

 


Die Mama ist ein Tablet-Muffel Teil 2:


Diese Freude, welche meine Tochter mit dem Tablet ausschüttete, als sie dieses zu ihrem sechsten Geburtstag geschenkt bekam! Rührend! Es wurde umarmt, geknuddelt, gelacht, gequietscht! Mein Herz ging auf, in diesem Moment bereute ich nicht im Geringsten, nachgegeben zu haben.

Wir hatten das Gerät aus zweiter Hand erstanden, es musste ja nicht gleich ein teures Tablet sein, für ein Kind. Was investiert wurde, war Zeit: Den Abend vor dem Geburtstag verbrachte ich mit dem Einrichten der Kindersicherungen, Installieren von Apps und legte ihr ein Pony-Desktop-Hintergrundbild an. Das wurde gerne in Kauf genommen, wenn das Tablet hinterher ja so viel Beschäftigung für das Kind brachte. Die paar Stunden würden sich später ja auch mal auszahlen und mir ein paar ruhige Minuten bescheren.

Doch diese paar Stunden schienen sich ins Unendliche zu multiplizieren: Jedes einzelne Spiel musste gezeigt werden. Jeder Knopfdruck gelernt. „Mama, kannst du mir eine neue Folge reingeben?“ wurde ständig gefragt, weil die Youtube-Playlisten-Clips meist nur drei Minuten dauerten und ich kontrollieren wollte, dass sie kindgerechte Videos guckte.

„Mama, ich komm da nicht hoch!“ fluchte sie beim Spielen wütend und quengelte, dass ich ihr ein Level fertig machen sollte. „Mama, was steht da?“ wollte sie laufend wissen, denn sie konnte ja noch nicht lesen.

Tablet-Zeit bedeutete: Mama sitzt daneben und hilft mir! Und nicht: Mama kann schnell mal einen Artikel im Wartezimmer lesen, Mama kann ungestört kochen, sondern muss sich ständig die Hände abwischen und schauen was der Nachwuchs jetzt schon wieder mit dem Tablet braucht. Meine Vorstellung, das Tablet würde mit der Zeit unabhängig, wenn auch beaufsichtigt, von meiner Tochter bedient werden, war ein gewaltiger Irrtum gewesen. Die Marketing-Kampagne der Kleinen hatte vergessen, einige Tatsachen zu erwähnen.

Und so kam es, dass ich begann, mir Ausreden einfallen zu lassen, wenn gefragt wurde: „Mama, darf ich mit dem Tablet spielen?“

  • „Läuft jetzt nicht gerade „Mia and me“?“
  • „Später, ja? Ich hab grad nasse Hände und kann es dir nicht einschalten. Geh doch mal inzwischen…“
  • „Uh, ich glaube, das müssen wir zuerst aufladen. Das hat keinen Akku mehr!“
  • „Ich kann das Ladegerät nicht finden. Ich lade es dann in der Nacht auf, ja?“
  • „Nein, im Gasthaus darf man kein Tablet mitnehmen, das stört ja die anderen beim Essen. Wolltest du nicht das neue Ausmalheft einpacken? Vergiss die Stifte nicht!“
  • Und die beste Ausrede war: „Der Router hat was. Das W-Lan funktioniert nicht. Ich muss es mir dann in Ruhe anschauen. Aber du hast kein Internet, da macht das Tablet keinen Sinn.“

Ich muss zugeben, auf diesen Vorwand bin ich nicht selbst gekommen, sondern es stimmte beim ersten Mal wirklich. Aber dieser Zwischenfall inspirierte mich zu der Mär von dem etwas alten und defekten Router, der immer mal wieder ausfiel. Und dann gab es kein Internet. Und dann rentierte sich das Tablet nicht. So etwas Dummes aber auch! Auf diese Weise gelang es mir, die Tablet-Zeiten auf weniger als eine Stunde pro Woche zu reduzieren.  Doch ich hatte wieder einmal nicht mit meinem Mädchen gerechnet. Und ihrem Herzschmerz.

 


Alles für die Katz!


Nahezu ohne Murren wurde von der Kleinen die minimierten Tablet-Zeiten akzeptiert. Sie bestand nur dann und wann darauf, auf ihre Katzen-App zu schauen. In diesem Spiel musste, ähnlich wie bei den Tamagotchies in den späten Neunzigern, eine Katze großgezogen werden. Diese hatte gefüttert, gewaschen, gestreichelt und eingekleidet zu werden. Es gab Schlafenszeiten, Freizeitbeschäftigungen etc. Fast wie bei einem richtigen Haustier.

Mit wachsendem Stolz der Kleinen gedieh das digitale Tier vortrefflich von Woche zu Woche. Es bekam einen Namen, „Lilly“ und wurde selbstverständlich auch Freundinnen und sämtlichen anderen Besuchern unserer Wohnung vorgeführt. Lilly war der ganze App-Stolz meiner Tochter und umso mehr wunderte ich mich, weshalb sie nicht schlimmer quengelte, wenn ich mit meinen Tablet-Ausreden ankam.

Als ich ihr eines schönen Vorabends diesbezüglich wieder einmal nachgab und ich ihr das Gerät eingeschalten hatte, trottete sie gleich darauf wieder zu mir zurück. „Ich kann nicht drauf klicken. Da geht nichts.“ Ich überprüfte, aber kein Item ließ sich auswählen. Das Navigieren mit dem Touchscreen funktionierte nicht. Auch ein Neustart brachte keine Veränderung.

„Auweh, Schatz! Ich glaube das ist kaputt. Der Touchscreen scheint hinüber zu sein.“

Traurig blickte mich mein Sprössling an.

„Jetzt muss ich immer beim Papa die Lilly füttern.“

„Wie meinst du das?“

„Der hat das Spiel auf dem Handy für mich, weil unser Internet ja nicht funktioniert. Und bei ihm am Handy geht es.“

Ha! Meine gewiefte Tochter hatte ihren Vater bezirzt, damit sie ihr Tier mehr als nur ein, zweimal pro Woche großziehen konnte. Und er natürlich nachgegeben. Heimlich hatte sie ihren Vater um den Finger gewickelt und durfte mit seinem Smartphone spielen, obwohl das bis jetzt sonst nicht erlaubt gewesen war. „Ja weil die Lilly ist wichtig, sonst hat sie ja Hunger.“

 


Wisch-Kompetenz: Nicht wenn Emotionen im Spiel sind:


„Das war nicht sehr gescheit von mir, mein Smartphone ist jetzt deswegen hin!“ beklagte sich der Katzen-App-Übeltäter, als ich ihn darauf ansprach. „Die Kleine hat dermaßen fest auf den Bildschirm gedrückt, dass der jetzt kaputt ist.“  „Was? Das Tablet auch! Dort geht auch nichts mehr am Touchscreen!“ „Ja eben, weil sie zu heftig ihren Finger drauf hält!“ „Nein, das wäre mir doch aufgefallen!“ „Das sieht man ja nicht sofort. Aber mir ist es letztens aufgefallen. Zu spät, allerdings!“ Er schnaufte noch einmal betrübt. Sein Smartphone war noch kein Jahr alt gewesen. „Agehh, meine zweijährige Cousine kann schon irgendwelche Frösche auf eine Seerose am Tablet ziehen, das kann doch nicht sein!“

Ich wunderte mich wirklich, war meine Tochter wirklich so ungeschickt mit dem Tablet umgegangen? Und mit dem Smartphone? Fotos drauf schauen tat sie ja auch schon seit Jahren und das ging ohne Probleme bis jetzt!

Als Lilly das nächste Mal liebevoll betreut wurde, lugte ich der Katzen-Mama über die Schultern.

Sehr argwöhnisch, denn es war mein höchstpersönliches Smartphone, auf dem sich die App nun auch befand, nachdem das kaputte Tablet in der Schreibtisch-Schublade bestattet worden war. Das Tier saß gerade in einem Waschzuber. Seifenblasen tanzten umher. „Jetzt muss sie gewaschen werden“, erklärte mir mein Mädchen. „Je sauberer sie ist, desto mehr Punkte kriege ich.“ Und sie schrubbte. Mit ganzer Inbrunst. Hingebungsvoll wurde das Fell durchgeschäumt, die Nase poliert, die Ohren gesäubert. Mit ganzer Kraft. Mit ganzer Finger-Kraft auf dem Touchscreen.

„Hoppla, du brauchst da nicht so feste drauf zu drücken! Da geht der Bildschirm sonst kaputt!“ Es tat mir regelrecht weh, zu sehen, wie mein Smartphone malträtiert wurde. „Nein, sonst wird sie ja nicht sauber.“ Eifrig wischte die Kleine weiter. Für sie war klar: Das Tier musste vom Schmutz befreit werden und das ging natürlich nur, wenn man ordentlich schrubbte. Ich nahm ihr das Smartphone aus der Hand. Zwei kaputte Geräte reichten. Ja das Wischen beim Waschen, das war aber auch nicht einfach…

 


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Showing 2 comments
  • Digitalparents Bloggerin: Katharina
    Antworten

    Das Ganze ist schon vor einiger Zeit passiert, aber ich dachte mir, ich poste den Beitrag noch einmal, weil ja Weihnachten naht und sich einige Eltern wahrscheinlich überlegen, ein Tablet für die Kids anzuschaffen. Wie gesagt – es lag wohl an der App, lol 😉 GLG eure Kathi

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