Wie meine Tochter Schweinchen fotografierte und zur Film-Produzentin wurde

Da meine Kleine eine Brille trägt, bekam sie, um Augen und Perspektive etwas zu fördern, bereits vor zwei Jahren eine bruchfeste Pony-Kinder-Kamera. Mit dieser konnte man nicht nur lustige Bilder bearbeiten sondern auch spielen.

Dann war die Kamera weg. Verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Oder der riesigen Kiste mit Spielsachen verfallen. So erhielt sie zum Geburtstag ihre erste, knall-pinke Digitalkamera.

Eine Entscheidung mit dramatischen Folgen….

 

 

Ein Drama in drei Akten begann, denn meiner Tochter gefiel gar nicht dass:

  • man mit der Digitalkamera keine Bilder verschicken kann,
  • man Schweinchen in Unterwäsche nicht fotografieren sollte
  • und man abendfüllende Playmobil-Spielfilme mit Zauberhexen-Prinzessinnen-Superheldinnen in stundenlanger Kleinarbeit anfertigen muss

 

 


Nach der ersten Begeisterung, eine kleine Flaute:


 

“Mama, ich weiß schon, wo ich fotografiere, aber wie löscht man?”

Schnell hatte mein Nachwuchs begriffen, wie die etwas feiner gestaltete Digitalkamera im groben Sinne funktionierte und knipste drauf los. Der Blitz wurde ausprobiert, das Raster, wie man ein Bild unterteilt, erklärt.

“Und wo kann ich mir die Fotos ansehen?”

Ich zeigte auf die “Play-Taste”.

“Aber da komme ich ja gar nicht zum Nächsten!” jammerte die Tochter, während sie versuchte, wie am Smartphone, mit dem Finger das Bild am Display weg zu wischen.

Ich zog die Augenbrauen hoch.

 

 

“Na, das ist ja auch kein Handy. Und das ist kein Touchscreen.”

“Und wenn ich der Oma ein Foto schicken mag, wie mach ich das?”

Es folgte ein etwas ungeschickter Versuch meinerseits, dem Kind zu erklären, worin die Unterschiede zwischen Smartphone, Digitalkamera und Tablet lagen. In ihrer Vorstellung sollte es keine technischen Hindernisse geben.

Die Digitalkamera erschien ihr geradezu antik. 

Ich scrollte, als eher weniger ambitionierte Fotografin, suchend das Menü auf und ab.

“Ja…. wenn man….schon glaube ich… das … da steht Wi-Fi…also… ah- nein! Du kannst jetzt ja erstmal Fotos machen, oder? Verschicken geht später dann auch. Vom Computer aus.”

Meine Tochter zog eine Schnute und von Dannen, knipsend, der Katze hinterher jagend.

Mir dämmerte langsam, dass die Digitalkamera wohl doch noch etwas elterliches Marketing benötigte.

Zwei Tage später wurde der Pony-Fotoapparat wieder entdeckt. Darauf konnte man auch Musik komponieren.

Das Ansehen des Geburtstagsgeschenkes, welches auch die Feinmotorik und Kreativität fördern sollte, schwand mehr und mehr bei meinem Kind.

Aber das Ding hatte mich zweimal in den Elektro-Fachhandel rennen lassen, weil ich die falsche Speicherkarte dazu gekauft hatte. In der Hektik nicht genau geschaut.

Zumindest ein Foto- Projekt war mir meine Tochter schuldig, fand ich und begann zu überlegen, wie ich die neue Kamera promoten konnte.

Doch das Schicksal war der vermaledeiten Kamera nicht hold: Ich selbst musste sie denunzieren. Ein weiterer Rückschlag sollte uns prüfen:

 

 


Wie zwei Schweinchen noch mehr Ärger für die Digitalkamera brachten:


 

Einige Zeit später, besuchte uns die beste Freundin meines Sprösslinges, ebenfalls sieben Jahre alt.

Die beiden gingen der bekannten Angewohnheit nach, sich Kleider anzuziehen, zu verkleiden und was Erstklässerinnen, übermütige Mädchen, halt noch so alles machen.

Die Türe stand sperrangelweit offen, ich in hör-weite vor der Kaffeemaschine in der Küche. Hin und wieder machte ich ein paar Schritte zurück und linste um die Ecke in den Raum, wo das Chaos stattfand.

Auf dem Boden verstreut lagen allerlei Röcke aus Tüll, Kronen, Ketten, Haarreifen mit Katzenohren, sogar ein Schweine-Hut. Ein Hut, welcher wie der Kopf eines kleinen Ferkels aussah. Mit Ohren, Augen, Rüssel.

“Komm wir ziehen uns aus und spielen nackate Ferkel!” vernahm ich ein Quietschen aus dem Spielzimmer.

“Äh, vielleicht lassen wir die Unterwäsche am Leibe. Und ziehen wenigstens einen Pulli an? Es ist ja Winter,” schlug ich schnell vor.

 

 

Murrend stimmten sie mir zur und der Schweine-Hut ging im Kreis. Einmal meine Tochter, einmal unser kleiner Gast. Sie grunzten dabei und hatten einen Riesen-Spaß: Tanzten herum, suhlten sich auf dem Teppich, oinkten vor sich hin. Ich musste auch kichern.

Nach einigen Minuten schienen die beiden sich ausgetobt zu haben, denn es kehrte etwas mehr Ruhe ein.

Prahlerisch hörte ich gerade eine mir sehr ähnliche Stimme sagen: “Die habe ich zum Geburtstag bekommen. Eine echte Digitalkamera.”

Der Schweinchen-Hut, die Übermut und die Digitalkamera: Eine gefährliche Mischung, denn die zwei Rabauken brauchten nur ein paar Sekunden, dann entfachte in beiden, ziemlich gleichzeitig, die gradiose Idee:

“Komm lass uns ein Video drehen, wie wir wie nackate Ferkel tanzen!”

Ich zuckte zusammen: Zwei Siebenjährige in Unterwäsche, welche keck vor der Kamera tanzten und eine Schweine-Kopfbedeckung trugen!

Wenn das unser Gast daheim beim Abendessen erzählte …. kam das sicher weniger pädagogisch wertvoll rüber!

 

 

Während die Eine bereits begonnen hatte, wild hüpfend vor der Linse ihre Grunzer von sich zu geben, hielt die Andere das Gerät, einem Profi ähnlich und filmte.

“Kinder, stop mal!”

Sie schenkten mir keinerlei Beachtung sondern hopsten und oinkten fröhlich weiter. Wie hatten sie sich so geschwind wieder ausziehen können? Ich war ja nur ein paar Meter entfernt in der Küche gestanden.

“Ich muss euch mal etwas erzählen,” fingen meine Erklärungsversuche an, weshalb man sich nicht auf diese Art filmen sollte: Meine schusselige Tochter könnte ja ihre Digitalkamera in der Klasse vergessen und ein Junge das Video sehen und sie auslachen. Oder sie sich verkühlen wenn sie beim Tanzen so schwitzen.

Ich redete mich um Kopf und Kragen.

Mein Nachwuchs verstaute die Kamera wieder grummelnd und wir machten uns auf den Weg in den Park. Draußen lag frischer Schnee. Damit konnten die Erstklässerlinnen mehr anfangen, hoffte ich.

Die Digitalkamera war lange kein Thema mehr. Kein Wunder, dachte ich mir und fand, dass es aber auch wirklich unglücklich gelaufen war: Wer konnte schon ahnen, dass die beiden Mädchen halbnackte Videos in Schweine-Manier mit dem Ding drehen wollten?

Mir war ja schließlich keine andere Wahl geblieben, als einzugreifen und die Digitalkamera schlecht zu machen….

Aufgeben wollte ich jedoch noch nicht. Und schiere Langeweile eilte mir zur Hilfe:

 

 


Ein Regie-Platz an der Sonne macht noch lange keiner Liebe zur digitalen Fotografie aus:


 

Die Semesterferien kamen. Unterhaltungsprogramm bei Schlechtwetter: Kino, zweimal Taekwando-Schnuppern, Schlittschuhlaufen, am einzigen halbwegs trockenen Tag.

Uns fiel langsam die Decke auf dem Kopf. Die Kleine und ich bekamen allmählich einen Koller. Schwimmen durften wir beide nicht, kurz zuvor gerade krank gewesen.

Nach der tausendsten Runde UNO, Spindarella, als Alleinerzieherin etwas ausgewrungen, kroch der Mut der Verzweiflung hoch.

“Film doch mal eine Geschichte mit deinen Playmobil-Figuren”, schlug ich vor, um ein paar Minuten für mich zu haben.

Wie und weshalb ich gerade jetzt zu diesem Einfall gelangte, war mir schleierhaft.

“Nimm am Besten deine neue Digitalkamera. Da hast du viel Speicherplatz und kannst lange machen!”

Nach elf Minuten Konzentration erlag die junge Künstlerin einer Blockade: “Ich kann nicht mehr. Ich brauch eine Pause. Darf ich fernsehen?”

Ich raffte mich auf. Für die Medien-Bastelanleitung hier bei DIGITALPARENTS wollte ich ohne hin etwas ausprobieren, weshalb nicht gleich mit meiner Tochter?

“Komm, wir drehen einen richtigen Film, wo man unsere Hände nicht sieht wenn wir die Männchen bewegen.”

Sie wurde neugierig. “Wie soll das gehen?”

“Na pass auf, ich zeige es dir!”

 

 

Ich hatte keine Ahnung. Fotos machen und Figuren bewegen?

“Überleg du dir mal eine Geschichte, ich guck inzwischen nach, wie das geht, ja?”

“Juhuuu!” Sie rannte ins Kinderzimmer und fing an, nach ihren Krimskrams-Figuren zu suchen.

Ich hingegen stöberte im Netz und fand eine sehr gute Seite mit nützlichen, einfachen Tipps.

Das mit der Photoshop-Bearbeitung würde ich wohl üben müssen aber ansonsten schienen animierte Bewegungen mit Playmobilprinzessinnen möglich, wie mir meine Tochter mitteilte, als sich mehrmals zu mir rüber gerannt kam, während ich noch recherchierte.

Mia, ihre Lieblings-Playmobil-Figur sollte zur Super-Heldin werden. Und Fliegen. Und die Welt retten.

Ja natürlich! Mama macht das schon?

“Nein, du kannst das selbst!” bestimmte ich nahezu streng und drückte der Kleinen die Digitalkamera in die Hand, nachdem wir das Set aufgebaut hatten.

Und wirklich, sie fing an mit Begeisterung zu knipsen. Kontrollierte ihre Werke kritisch und machte ein Drittes, Viertes Bild, wenn sie fand, dass es verwackelt schien.

Ich drehte die Figuren und schaute, dass die Kamera, obwohl wir kein Stativ verwendeten, halbwegs am selben Ort blieb.

Damit die Kleine ein Erfolgserlebnis zu verzeichnen hatte, begann ich schon nach zweihundert Fotos, die Dateien auf den Computer zu übertragen und setzte sie zusammen.

“Schau – so sieht das dann aus!”

“Die Musik ist voll schlimm, Mama, die gefällt mir nicht!” rügte sie mich.

“Ja aber sonst? Ist doch toll! Das hast du gemacht!”

Meine Tochter schien tatsächlich so etwas wie beeindruckt.

“Und kann ich jetzt auch so einen Film machen, dass ich ihn dann am Abend anschauen kann? Und kann ich dann Popcorn dazu essen?”

“Du meinst, wie eine DVD so lange?”

“Genau!”

 

 

“Uh, da brauchen wir viele Stunden dafür!”

“Das geht jetzt nicht?”

“Wir können gerne anfangen. Hast du eine Geschichte?”

“Aber fertig wird es heute nicht?”

“Nein, Schatz, so etwas Langes dauert bestimmt. Ich muss dass dann ja auch am Computer noch bearbeiten. Und dabei willst du mir ja sicher auch helfen.”

Die Kleine zog eine Schnute und zuckte mit den Achseln.

“Ach, macht nichts. Dann fotografieren wir das ein anderes Mal. Es kommt jetzt eh “Alvin und die Chipmunks”. Darf ich das anschauen?”

Ich schaute auf die Straße, wo die Leute dick eingemummt dem kalten Wind und dem Regen entkommen wollten. Und auf das Regal mit den UNO Karten.

“Ja geh nur. Ich geh mal herausfinden, wie man die Prinzessin mit dem Cape fliegen lassen kann. Ich zeig es dir naher.”

“Jaja,” meinte mein Töchterchen nur und verstaute die Digitalkamera in der Schreibtischschublade.

Da lag sie wieder drinnen.

Immer noch nicht Top-Ten-Spielzeug.

Wird die Kamera wohl nie…

 

 


Hier die Ergebnisse unserer ersten beiden “Stop-Motion-Video”- Versuche:


 

 

 

 


Mehr zu den einzelnen Themen in diesem Artikel kannst du nachlesen unter: 


 

BASTELN-01Stop-Motions mit Kinder produzieren

 

PRAXISBLOG-01Kamera-Kinder

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