AURORAS ALBTRAUM

AURORAS ALBTRAUM

Dornröschens Geschichte endet ganz und gar nicht märchenhaft. Der Winter und eine bevorstehende Hungersnot bedrohen das Königreich. Zudem soll sie Land und Leute verlassen und ihrem Ehemann in die Fremde folgen. Die Prinzessin ist in Nöten, welcher Zauber kann helfen?

Wechselfälle verdorrter Rosen 

Prinz Philipp hat Dornröschen wachgeküsst. Doch die heiteren Festtage sind vorbei. Der Winter kündigt Entbehrungen an, das weiß jeder Forstner und Futtermeister. Es mangelt im Reich an Spindeln für warmes Gewand. In den Speichern liegt der Schimmel eines Jahrhunderts über dem Getreide. Das Fleisch der uralten Rinder schmeckt zäh. Mit dem Koch und seinem Küchenjungen mäßigt Königin Lea den Speiseplan. Ein Land gerät in Gefahr. 

„Unsere Allianz wurde mit Blut geschmiedet. Wenn wir in meine Provinzen umsiedeln, schicke ich Karren mit Säcken voller Weizen, Fässer mit Butter, viel geräucherten Schinken. Und genügend dick gewebtes Tuch.“ Beim Abendmahl beruhigt Philipp seine Ehefrau und König Hubert. „Wir bereiten morgen unsere Abreise vor.“ Aurora stemmt empört ihre Hände in das Oberkleid, Perlen bohren in die blasse Haut. „Wie bitte?“ 

Das Herz der Monarchentochter schlägt für die Burg und ihre Bewohner. „Wir müssen hierbleiben und uns um die Lehen und Leute meines Vaters sorgen.“ Der Prinz rät zur Geduld und weniger Gewürzwein: „Deine Eltern sind erhabene Regenten. Bald wirst du wieder fette Hundsbuben und Wasserträger hinter der Ringmauer vorfinden.“ Das bezweifelt der Blondschopf. „Wer setzt seinen Filzhut darauf? Mein Platz ist bei meinem Volke!“ Ihr Gatte fordert Gehorsam: „Ich kehre mit einem würdigen Weib heim.“ 

Unter dem Banner der Ohnmacht 

Dornröschen dreht sich auf dem ledernen Absatz um. Keiner im Saalbau versteht ihr Zerwürfnis. Sie ist eine Prinzessin mit geringer Befehlsgewalt. Ein Unsegen lastet auf ihr und will nicht enden. Wie ein Pfand schwebt sie zwischen Fluch und Fremde. Doch sie hat nicht Dekaden geschlafen, um fürdahin in einem fernen Königtum erneut brach zu liegen. In der Dämmerung huscht Aurora zur Wehrmauer. Sie hält Ausschau nach Beistand und den Patentanten.  

Flora und ihre Schwestern schütteln die bunten Blumenkränze. “Deine Bürgerschaft, sie braucht unsere Kräuter und Kräfte zwingender.” Verlassen flaniert Aurora zurück zum Bergfried. Vorbei am Versorgungsgebäude, voller Junker und Mägde, die an ihrem Feierabend laben. Draußen sitzt der Küchengehilfe. “Wie unbekümmert du bist”, herrscht das Frauenzimmer ihn an. Niemand sperrt das Hausgesinde weg. Erst in einen abgrundtiefen Traum, dann in eine entlegene Residenz.  

Ein unerwarteter Famulus 

“Durchlaucht!” Der junge Bursche ist bekannt mit dem Ingrimm der Adeligen. Seit der Kindheit verrichtet er seinen Frondienst in der Pfalzburg. Zahllose Stunden hat er mit der Heranwachsenden verbracht und weiß, wie man ihren Gram lindert. “Darf ich einen edlen Trank kredenzen? Ein Schluck zerstreut eure Nöte und bündelt göttliche Kräfte.” Die noble Dame trippelt weg von den höfischen Gepflogenheiten, hin zum dargebotenen Eisenbecher. Galant überhört der Diener das hochwohlgeborene Schlürfen. „So schmeckt kein Wein.“ 

„Ein Gebräu aus Pilzen. Sie sporen auf der verdorbenen Gerste.“ Die Fürstin nippt angetan, bedauert aber den Geschmack. Der Lehrling bietet Beistand dar. „Es dauert einige Augenblicke bis Wirkung eintritt. Vielleicht sollte ich euch in die Gemächer geleiten?“ Die Holde erinnert den Untergebenen an ihren Ehemann und die Zofen. “Erspäht uns eine Seele, bindet man dich an den Pranger.” Sie schreitet von dannen.  

Prinz Philipp fehlt in der Kammer, er wohnt dem Bankett mit seinen Recken bei. Aurora ist alleine, als das Elixier seine versprochene Weisheit offenbart. Auf dem Schlaflager bäumen sich Felle wie Wappentiere auf. Güldene Fäden glänzen bedrohlich zwischen den Kissen. Widriges Garn, gedreht, gewebt. Gleich einem weichen Sarg bettet es ihren Willen ein. Plötzlich schnellt die königliche Benommenheit vom Polster hoch: „Die Spindel trägt Schuld am Leid. Soll sie mich nun retten!“ 

Trunkenheit der Erleuchtung 

Dornröschen schleicht um die Zisternen herum zum Kellergewölbe. Am Ende der nassen Sandsteintreppen erreicht sie ein Tor, das der Waffenmeister bewacht. Dahinter verwahren Eisen und starkes Holz jenes gefürchtete Werkzeug, welches Verderben über die Regentschaft brachte. Entschlossen entwendet die Prinzessin den heidnischen Gegenstand, ein paar Goldmünzen, einige Drohungen leichter. Und begleitet vom Schweigen, das zehn Kerkergesellen geschworen haben.  

Die Königstochter klammert sich an eine Nadelspitze voll höherer Gewalt. Sie harrt auf ihren Mann und wird damit fest in seinen Daumen bohren. Was haben die Jahrhunderte der Spindel angetan, ist ihre teuflische Weihe verstrichen? Führt sie das gesamte Reich oder nur den Gatten zum Stillstand? Einerlei, wie der Himmel entscheidet – ihre Erdentage verbringt Aurora hier in der Burg. 

Nach dem Stich mit der Dräule blinzelt Dornröschen hellwach. Die Kämmerer schaufeln in den Kaminen. Das Anwesen begibt sich zur Nachtruhe, leise aber geschäftig. Aurora zwickt ihren Angetrauten in die Schulter. Er schlummert neben ihr ohne ein Glied zu zucken. Wie es Sitte ist, zwischen Mann und Weib. Aber seine Ruhe wird zwei Herrschergeschlechter andauern. Die Prinzessin frohlockt. Sie darf für immer bei ihrer Sippe weilen, mit dem Liebsten an der Seite.

Ein leibeigener Dünkel 

Aurora findet zu den Vorratsräumen zurück. Vom Schatten des Mondlichts verborgen, spürt der Küchenlehrling eine Berührung. “Niemand vermag uns zu trennen. Ich habe den Prinzen mit der Spindel gestochen.” Dornröschen verlangt nach mehr Weizentrank. Der Jüngling reibt an seinem verwitterten Leinenhemd. Eine verwöhnte Prinzessin birgt Unheil für seinen Stand. Das hätte er ahnen sollen. Die beiden sind oft beisammen gelegen, heimlich. Doch ihre Brüste verdammen ihn heute zum Tode.

Denn die Handspindel besitzt längst keine Magie. Wachen haben die Kunde verlautet. Unglückselige Bettelmänner, in sie hat man die Nadel gejagt. Nichts ist geschehen. Welch Gezeter, wenn Prinz Philipp aufwacht und seine vom Tollkorn vernebelte Ehefrau findet. Es bräuchte ein Wunder, um den Kopf des Bediensteten aus der Schlinge zu befreien. Auroras Gewissen ist unbeschwert: „Zieh mich aus. Die Perlen und der alte Prunk machen mich närrisch!“

Der Gehilfe tut wie ihm geheißen und entkleidet seine Gespielin zum letzten Mal. Bald droht der Henker. Doch weder einen Ehrenmann noch Halunken darf man ihn nennen. Er nimmt, was ihm die gottgegebene Ordnung darbietet. Etwas Käse, ein Früchtebrot, die Zuwendung einer Prinzessin. Bis zum Galgen bleiben noch einige Atemzüge mit dem nackten Dornröschen. Besser, als im Winter hungrig zu sterben.

Hintergrundinformation: https://de.wikipedia.org/wiki/Mutterkorn

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