DERRISCHE ARSCHLÖCHER!

DERRISCHE ARSCHLÖCHER!

Sommerlektüre im Sommerloch: Das ist eine Kurzgeschichte zum Thema “Medienkompetenz”, auch wenn der Anschein täuscht. Aber bitte nicht den Kindern vorlesen. Nur für Eltern und böse Erwachsene! Und ganz schlimme Mütter. 

Frau Huhnekuhl schluckt ihren Rülpser des “Gemischten Satzes” hinunter. So nennt sich der Wein, den sie die letzten drei Stunden getrunken hat. In Gesellschaft. Der Tropfen auf dem Austausch mit einem Mann, ein seltener Wohlgeschmack. Doch jetzt kämpft die Kurzarbeiterin mit bitterem Aufstoßen. Sie lehnt an der Eingangstüre ihrer Genossenschaftswohnung, deren Braun seit den Achtzigern unverändert begrüßt. Alter Puder klebt an der Brünetten und verheddert Strähnen im Gesicht. Die Fallen einer Nacht.

„Es schallt aus Ihrem Gebäude.“ Die zwei Polizisten vor ihr sind jung. Wenig Sicherheit, um diese Uhrzeit. Unmöglich, dass die beiden über dreißig Jahre zählen. Der männliche Staatsdiener lächelt. Frau Huhnekuhl will es nicht als spitzbübisch auffassen. Stattdessen übermittelt sie ihre Aussage: „Oh. Für mich klingt es, als ob die Nachbarn von Gegenüber lärmen.“ Die Uniformträgerin in der Runde verneint professionell und meint über die Schulter: „Wir schauen, was oben los ist.“ Die Geplagte seufzt den beiden nach, als sie die Treppe hoch steigen. Was für eine Schnapsidee, die Kiberer rufen. Warum dermaßen den Verstand verlieren?

„Helfen Sie mir! Niemand bemerkt meine Schreie!” Vor einer Viertelstunde blickt sich ein nächtlicher Passant um. Er hat seinen silbernen “Opel Agila” unter dem Wohnzimmer von Frau Huhnekuhl geparkt. Verdeckt, hinter dem feinmaschigen Katzengitter, findet er die Verstörte am Fenster. Sie deutet auf die andere Straßenseite, zum Wohnblock. Im Erdgeschoss befindet sich ein Gasthaus. “Bitte klingeln Sie dort mal!” Er öffnet die Autotüre und wirft seine Weste ins Fahrzeug. „Was? Nein, sicher nicht!“

Frau Huhnekuhl gerät in Panik: „Der Krach aus dem Restaurant! Oder die Studenten darüber! Irgendwann reicht es jedem, glauben Sie mir. Jedem!“ Dem mobilen Mannsbild ist das völlig wurst. Er setzt sich ins Gefährt, zur Kleidung. Das treibt die Zeternde zur Verzweiflung. „Wo bleibt Ihr Mitgefühl?“ Der Ignorant besitzt keines, startet den Motor und braust davon. Es bleibt der Eindruck, als liegt es ihm fern, für die Weiblichkeit den Helden zu spielen. Er bevorzugt seine Herrenjacke. Frau Huhnekuhls Schimpfworte, die sich zum “Gemischten Satz” mengen, prallen am schuldigen Stockwerk und der Großstadtanonymität ab. Alleine steht sie da und braucht Zeugen für den Aufruhr. Ansonsten entdeckt man ihre schwachen Nerven.

Die Polizisten läuten erneut. Frau Huhnekuhl kramt nach dem Ausweis. Sie hetzt ins Vorzimmer, die Ordnungshüter warten. Ihr Sohn lugt um die Ecke. „Kind, geh wieder ins Bett!“ Die mütterlichen Schweißausbrüche verreißen ihren Hals. Nach links zum Ninjago-Unterhemd, dann zurück zur Schublade: „Ich finde den Reisepass nicht. Geht die Karte von der Krankenkasse auch?“ Die Fremden vom Bezirk sind nun doch ganz nah. Bestimmt riechen die Beamten ihre Fahne, die der Wein gehisst hat. Die Angeschwipste schwenkt und wedelt damit, als schlechte Bürgerin aufzufallen. Sieht man in die Küche hinein? Hat sie die Gläser abgewaschen? Beweisen die Grissinikrumen auf dem Teppich ihre Nachlässigkeit?

„Ja, die passt. Wir brauchen das Geburtsdatum bestätigt. Wohnen Sie hier?“ „Natürlich“, schießt die Erleichterung aus Frau Huhnekuhl heraus, eine Frage vorbildlich beantworten zu können. „Die Lärmbelästigung hat sich übrigens erledigt. Eine alte Dame aus Ihrem Haus ist beim Fernsehen eingeschlafen“, informiert der Spitzbube und schreibt vom Plastik ab. „Sie ist fast taub“, wirft die Wachmeisterin ein. Fortan ist Frau Huhnekuhl die Hauptverdächtige. Der Notruf, falscher Alarm gewesen! Statt den üblichen Krawallmachern hat sie eine unschuldige Pensionistin getroffen. Die Mutter überlegt, was sie ihrem Sohn erzählen wird, wenn die Gendarmen die Wohnung betreten. Alles vorbei!

Dabei ist es Frau Huhnekuhl, die man normalerweise weckt. Die Schwingungsstärke der Gäste, im Schanigarten vor ihrer Nase, wächst mit der Uhrzeit und Hitze. Erst mitten in der Nacht kühlt Stille die Ohren. Die Geräuschkulisse bestimmt den Schlaf. „Irgendwann reicht es jedem“, wiederholt sie. Die Unruhetropfen, gegärt im “Gemischten Satz”, haben den geschädigten Resonanzkörper entblößt. Schreiend, vor der gesamten Anwohnerschaft. Kein Katzengitter vermag das zu verbergen. Die Ertappte drückt sich in den altbackenen Türrahmen und hofft, darin wie eine normale Hausfrau zu wirken. Nichts mehr verraten, die Sinnlosigkeit ihres Tatbestandes denunziert genug.

„Es tut mir leid. Ich habe noch nie die Polizei gerufen. Die arme Schwerhörige!“ Was überzeugend aus dem Mund der Angeklagten dringen soll, verstimmt den Ton mit Befangenheit. Die Gesetzeshüter winken ab. „Schon gut, dafür gibt es uns ja.“ Frau Huhnekuhl kontrolliert ihr Zittern, als der Einsatzwagen die Straße verlässt. Der Sohn schläft wieder bei seinen Stofftieren. Sie dreht den Schlüssel im Schloss und fegt mit den Zehen einige Brösel vom Läufer im Flur. Glück gehabt.

„Derrische Arschlöcher!“ Frau Huhnekuhl tritt ins Schlafzimmer und zündet eine Zigarette an. Müde schwanken die Beine, sie schiebt das Feuerzeug auf die Kommode. Die Ausgelaugte zieht den Bademantel aus und schmeißt ihn auf das Bett. Ihr Rauch dampft im Kreis mit der Flugrichtung. Ein Teil des Seidenkimonos verfehlt das Ziel. Sein Ärmel landet auf dem Körper des Mannes, der auf dem Boxspringbett wartet. Daran ist aber nicht der “Gemischte Satz” schuld. Frau Huhnekuhl kann schlecht werfen. Und sie hat sich vorhin den Nacken verzerrt.

„Hast du das mitbekommen? Die Nachbarin ist beim Fernsehen eingeschlafen. Einer da draußen macht halt immer Krach!“ Der Vater ihres Sohnes ist sprachlos. Ein dicker Knebel und violette Schnüre fesseln ihn. Die Seile stammen aus der Kommode. Den Knebel hat Frau Huhnekuhl auf der Mariahilfer Straße neu gekauft. Und jetzt benutzen müssen. Sie entdeckt seine Männerunterhose auf dem Boden und betrachtet den Blutfleck. Die Buntwäsche ist morgen an der Reihe. „Ich sollte dich losbinden, ich weiß. Lass mich fertig rauchen.“ Sie sucht nach dem Aschenbecher.

„Und wehe, du rufst noch einmal die Bullen! Scheiß Amazon! Depperte Alexa!

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