DIE BANALITÄT DER BÖSEN KINDER

DIE BANALITÄT DER BÖSEN KINDER

Eine existenzialistisch gefärbte Kulturkritik. Manchmal muss man die Menschen mit einer Handvoll Hannah Arendt verprügeln.

Grenzen der Kinderschuhe

Leonie und Vanja rennen. Weg vom Grünwaldpark, auf die Rüdigerstraße, nach Hause. Hinter ihnen rücken drei Verfolgerinnen näher. Die Erste trägt ein blaues Kopftuch. Es flattert im Laufschritt. Eine blonde Zweite hält ihr Grinsen mit schiefen Zähnen fest. Genau wie eine Zigarette zwischen den Fingern. Die schwarzhaarige Dritte bleibt unauffällig. Einzig das Blumenkleid macht sich bemerkbar. Die beiden Freundinnen biegen in eine verlassene Gasse ein. Eine unüberlegte Taktik. Das gehässige Dreiergespann spurtet herbei.

Dabei beginnt der Nachmittag vielversprechend. Leonie und Vanja dürfen ohne mütterliche Begleitung in den Park. Alles ist aufregend, der Zebrastreifen, das Hinweisschild am Eingang. Es ist der beste Samstag im April und der schönste Ort, um ihre neue Freiheit zu bejubeln. Fortan zählen sie zu den Großen. In Festtagsstimmung knipsen sie Selfies. Jetzt wollen sie zu den Jungs, die Fußball spielen. Schnell vom Gerüst springen! Doch auf dem Boden lauert eine gefährliche Überraschung.

Grenzen der Zwischenwelten

„Was habt ihr da?“ Drei Fieslinge empfangen ihre Opfer indem sie einen Halbkreis bilden. Keine der Staturen ist feminin und benötigt einen Büstenhalter. Aber ihre Augen sind mit ausgewachsener Gemeinheit geladen. Die Schwächeren ahnen: Streit vermeiden und weglaufen! Bewaffnet mit dem hervorstehenden Schneidezahn verhindert die dünne Raucherin jeden Befreiungsversuch. Sie hat beobachtet, dass Vanja ihr Smartphone hinter dem Rücken versteckt. Die Eingeschüchterte erwidert tapfer auf den Frontalangriff: „Gar nichts!“

Leonie nutzt ihre Worte und stürmt los. Die Mädchenwand bröckelt. Sekunden später haben sich beide Gefährtinnen durch die geschlossene Gesellschaft frei gekämpft. Sie fliehen zum Eisentor, den schmalen Weg entlang. Das „Samsung Galaxy“ ist in Sicherheit. Leider nur ein paar Meter. Die Redelsführerin mit Kopftuch droht fünf Schritte entfernt. Warum haben die Viertklässlerinnen nicht im Park bei anderen Eltern Schutz gesucht? Plötzlich prescht das geblümte Modepüppchen nach vorne und in den Mittelpunkt.

Sie attackiert Vanja im Gesicht und erobert beinahe das Telefon. Komplizin Schiefzahn greift in Leonies Mund. Der steht offen, weil die Schülerin außer Atem keucht. „Trägst du eine Zahnspange?“ Daneben strukturiert die Muslimin mit eiskalter Besonnenheit die Lage. „Wir tun euch nichts. Lasst uns schauen.“ Die Farbe ihres Glitzerlidschattens ist passend zur Hidschab gewählt. Leonie schielt geschockt auf die unbefahrene Seitengasse. Ein Kinderwagen rollt ins Sichtfeld. „Hilfe!“ Die Leidensgenossinnen flitzen davon.

Grenzen der Versorgungswege

Die beiden Überfallenen schaffen es zum Gemeindebau. In der Wohnung siegen Tränen. Eine Reaktion auf die Anwesenheit ihrer Mütter, die entsetzt zuhören und trösten. Frau Selma Stankovic beschließt, was zu tun ist. „Sketchers“ anziehen und in den Park zurück eilen, die kleinen Streittreiberinnen bestrafen. Oder ihre Erzeuger verwarnen. „Denen verpasse ich einen Denkzettel“, zischt die Sechsunddreißigjährige über die Topfenschnitten, Kaffeetassen klirren.

Die Gastgeberin Melanie Niemetz beruhigt: „Es sind Kinder. Keine bösen Monster.“ Frau Stankovic leistet Widerstand. „Nein. Das sind angehende Verbrecherinnen.“ Ihren Liebling Vanja aus der heilen Spielplatzwelt reißen und ihr fast das Smartphone stehlen! Die süße Kleine ist unschuldig, voller Vertrauen. Sie muss sofort ihre Tochter beschützen und das Gleichgewicht des Schreckens wiederherstellen. Selma klappert mit dem Schlüsselbund und den dünnen Gelenken. „Melanie!“

Die Angesprochene holt ihre Stiefeletten. Sie kennt die Gefühlsausbrüche der befreundeten Mutter. Erbosten Vorwürfen gegenüber Lehrern -„zu viele Hausübungen“- oder unverhohlenem Ekel vor der Schulkantine -„wie kann man für den Fraß Geld verlangen?“- folgen Termine beim Schuldirektor. Selma ist eine Frau, die handelt. „Wir bleiben hier!“ Leonie und Vanja weigern sich, das Schlachtfeld erneut zu betreten.

Grenzen der Gefechtslinie

Die beiden Frauen staunen. Aufgefädelt stehen alle Beschuldigten bei den Schaukeln. Eine Blaupause der Vernachlässigung neben der anderen. Frau Stankovic tarnt sich mit Friedfertigkeit: „Würdet ihr mir kurz helfen?“ Ihr Lächeln erzeugt Vertrauen. Das Trio tappt in den Hinterhalt. Frau Stankovic schnappt zu. „Wolltet ihr vorhin zwei Mädchen das Handy klauen?“ Die Kopftuchkosmetikerin bezieht Stellung: „Kannst du das beweisen?” Unterstützend provoziert die Zigarettenfraktion: “Oder bekomme ich dein Feuerzeug?“ Der Angriff schießt Frau Stankovic aus der Fassung. „Wie alt bist du? Weiß deine Mama, dass du rauchst?“

Ihr Tadel trifft ins Gewissen. Die drei Kleinkriminellen wollen unter lautem Kriegsdonner davon sausen, aber Selma handelt geschickt. Sie ergreift das Miststück ohne Kieferorthopäden am Zopf und nimmt sie mit dichtgestaffelten Kopfnüssen unter Beschuss. Die Verschleierte verteidigt ihre Freundin. Beim Schubsen verstreut sie Glitter. Während Frau Stankovic die Worte und das Denken versagen, breitet Melanie Niemetz ihre Arme aus. Deckung wahren und Neugierige abschirmen, die zum Nahkampf herantreten.

„Was machen Sie da“, bombardiert ein Vater mit Meidlinger-Akzent den Rachefeldzug. Die Geschminkte heult. Frau Stankovic hat trotz Haarbüschel in der Faust ihre Schulter erobert und zwickt strafend in die Haut. „So darf man nicht mit Kindern umgehen!“ Eine Zwanzigjährige im knöchellangem Rock wiegt den Kopf und ihr Baby im Arm.

Grenzen des Volksaufstands

„Ach! Haben Sie geholfen, als meine Tochter terrorisiert wurde?“ Selma hält Ausschau nach dem floralen Bündel. Eine weitere Mutter ohne Säugling mildert: „Mir ist nichts aufgefallen.“ Frau Stankovic zieht fester am Schopf der Gefangenen. Wehklagen trägt sich bis zur Rutsche. Der Vater wischt sich über den grauen Bart: „Hören Sie sofort auf!“ Frau Stankovic holt zum Gegenschlag aus: „Jemand muss die Bande stoppen.“ Die Mutter mit Baby tadelt verwirrt: „Eine Kindergang?“

Frau Stankovic kapituliert mitnichten. Vor ihrer Haustüre ist boshafter Gruppenzwang geschehen. Und niemand übernimmt Verantwortung? „Sie hätten ebenfalls eine Watsche verdient.“ Die mütterliche Bürgerwehr sucht nach Zustimmung unter den Schaulustigen. Das lässt dem Graubart die Zornesfalte im Gesicht aufpochen. „Versuchen Sie es!“ Selma scharrt mit den „Sketchers“. Da steht sie, eingekesselt zwischen Feind, teilnahmslosen Zivilisten und träger Kameradin. Sie alleine verkörpert das Bollwerk gegen die Missstände hier. Ihr Turnschuh tritt gegen das gegnerische Schienbein. Das hätte sie nicht tun sollen.

Grenzen der anderen

Frau Niemetz und Frau Stankovic rennen. Weg vom Grünwaldpark, auf die Rüdigerstraße, nach Hause. Hinter ihnen rücken zwei Verfolger näher. Der Vater mit Meidlinger-Akzent und die Mutter ohne Baby drosseln erst das Tempo, als sie die abgeschnittene Gasse betreten. Frau Stankovic und ihre Begleitung halten die Marschrichtung, trotz Blut an den Socken und Fingern. Die Infanterie schimpft hinterher: „Lassen Sie sich nie wieder blicken!“

Dabei hat Melanie gerne den Nachmittag mit ihrer Tochter im Grünwaldpark verbracht. Sie mag die Bäume in den ruhigen Ecken. Eine gepflegte Erholungszone, direkt neben ihrer Gemeindebauwohnung. Dieses Gebiet ist verloren. „Ich schreibe eine E-Mail an die Bezirksvorsteherin. Solche Leute darf man nicht dulden.“ Frau Stankovics Angriffslust gleicht einem Sabotageakt. Melanie Niemetz seufzt. Sie überholt die Zugführerin und verpasst ihr eine Ohrfeige. Gleich darauf wiederholt sie das Manöver. „Selma, sei nicht so ein Nazi.“ Manchmal ist auch Frau Niemetz eine Person, die handelt.

Hintergrundinformation: https://www.nwerle.at/WS11_B/banal.htm

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