DIE BANALITÄT DER BÖSEN KINDER

DIE BANALITÄT DER BÖSEN KINDER

Eine existenzialistisch gefärbte Kulturkritik. Manchmal muss man die Menschen mit einer Handvoll Hannah Arendt verprügeln.

Geschlossene Gesellschaft

Leonie und Vanja rennen. Es gibt nur ein Ziel. Durch das Eisentor, auf die Rüdigerstraße, weg vom Grünwaldpark, nach Hause. Hinter ihnen rücken drei Verfolgerinnen näher. Sie sind älter als die Ganztagsvolkschülerinnen. Und in der Überzahl. Die Erste trägt ein Kopftuch. Es flattert im Laufschritt. Eine Zweite hält ihr Grinsen mit schiefen Zähnen im Gesicht fest. Genau wie eine Zigarette in den Händen. Die Dritte bleibt unauffällig. Einzig das Blumenkleid macht sich bemerkbar. Die beiden Freundinnen keuchen, bald bleibt ihnen die Luft aus. Aber die Angst treibt sie voran, mit letzter Kraft blindlings weiter zu fliehen, schnell. Sie biegen in eine verlassene Gasse ein. Das ist ihr Verhängnis! Leonie und Vanja sind alleine. Kein Mensch, keine Hilfe in Sicht. Lediglich parkende Autos. Die Übeltäterinnen spurten herbei. Unheil droht! Leonie und Vanja bereiten sich auf das Schlimmste vor. 

Dabei beginnt der Nachmittag vielversprechend. Leonie und Vanja dürfen zum ersten Mal ohne mütterliche Begleitung in den Park. Alles ist aufregend, der Zebrastreifen, das Hinweisschild am Eingang. Wie alt sie sind, selbstständig. Sie mögen den Park und haben jeden Fleck schon einmal gesehen. Sie wissen, wo der Tischtennisplatz ist, die überdachten Sitzgelegenheiten, die Mülleimer und der anderen Ausgang. Hier sind sie schon oft gewesen. Es ist der perfekte Tag und der schönste Platz, um ihre neue Freiheit zu genießen. In Feiertagsstimmung verzehren sie „Pombären“ auf der Kletteranlage, teilen eine Flasche Himbeersaft. Jetzt wollen die zwei zu den Jungs, die auf dem Rasen spielen. Man kennt sich aus der Schule. Schnell vom Gerüst springen! Doch am Boden wartet eine schlimme Überraschung.

„Was habt ihr da?“ Drei zwölfjährige Fieslinge empfangen ihre Opfer, indem sie einen Halbkreis bilden. Keine der Staturen ist weiblich genug, einen Büstenhalter zu tragen. Aber ihre ausgewachsene Gemeinheit überrumelt. Leonie muss das Gleichgewicht suchen, das vom Sprung durcheinander gekommen ist. Danach versucht sie, die Mädchenwand mit einem Schritt zu durchbrechen. Die Redelsführerin im Kopftuch fängt diesen Befreiungsversuch ab. Der Glitzerlidschatten passt zum Muster der Hidschab. Er betont die skrupellosen, dunklen Augen. Leonie meidet den Blickkontakt und fixiert stattdessen Vanja vielsagend. Keinen Streit anfangen, sondern weglaufen. Vanja antwortet trotzdem: „Gar nichts haben wir!“ Sie verbirgt das Handy hinter ihrem Rücken. Die Größte packt Vanja am Pullover, will sehen was Vanja versteckt. Das perfekte Gebiss des Totenkopfes, welches auf dem schwarzen Oberteil der Angreiferin aufgedruckt ist, gleicht den fehlenden Kieferorthopäden aus. 

Die Gewaltbereiten zerren an der Kleidung, am Rucksack. Sie grapschen nach dem Smartphone, das sie in Vanjas Händen entdeckt haben. Nach einigen Sekunden Rangelei gelingt es! Leonie kämpft sich frei und sprintet los. Ihre Flucht schwächt die geschlossene Gesellschaft. Die drei Gegnerinnen sind abgelenkt. Vanja kann die Gelegenheit nutzen, schüttelt sich los und folgt der Gefährtin. Den schmalen Weg entlang, zum Eisentor, auf den Bürgersteig. Das „Samsung Galaxy“ ist jetzt in Sicherheit. Doch leider nur kurz, ein paar Meter lang. Leonie und Vanja flüchten in die falsche Richtung. Die Seitengasse ist menschenleer, das Trio holt sie ein. Warum sind die Viertklässlerinnen nicht im Park geblieben, wo Erwachsene einschreiten könnten? Nun umzingelt man sie und niemand wird sie beschützen.

In der Rettung liegt ein Zorn

„Zeig mir dein Handy!“ Das geblümte Modepüppchen drängt nach vorne, plötzlich gar nicht mehr unscheinbar. Sie greift Vanja mit der einen Hand ins Gesicht und holt mit der anderen das Telefon. Leonie schreitet ein. Ihre Ellenbogen schaffen es, dass die Leidensgenossin den Gegenstand behält. Das finden die Kopftuchkosmetikerin und Raucherin inakzeptabel. Sie befördern Leonie schreiend auf die Seite und widmen sich wieder Vanja. Als hätte eine unheimliche Macht ihre Haltung geändert, säuselt die Geschminkte: „Wir tun euch nichts. Lasst uns schauen.“ Sie streicht Vanja zwielichtig über die blonden Haare. Und Komplizin Schiefzahn greift in den Mund von Vanja. Weil der vor Verblüffung über die neuen Töne offen steht. „Ja, mach mal auf. Ist das eine Zahnspange?“ Leonie zittert, lässt den Blick geschockt über die leere Seitengasse schweifen. Was soll sie unternehmen? Viel Aufmerksamkeit ist auf Vanja gerichtet, sie könnte unbemerkt entschlüpfen. Aber ihre Freundin im Stich lassen? Ein Kinderwagen biegt ins Sichtfeld und nimmt ihr die Entscheidung ab. „Hilfe!“ Die Schülerinnen brüllen und flitzen weg.

Die Heldinnen schaffen es zum Gemeindebau. In der Wohnung siegen Tränen. Eine Reaktion auf die Anwesenheit ihrer Mütter, die entsetzt zuhören und trösten. Frau Ivana Stankovic beschließt, was zu tun ist. Ihre „Sketchers“ anziehen und in den Park zurück eilen, die kleinen Streittreiberinnen befragen. Mit etwas Glück sind deren Eltern und die darauf folgende Strafe auch dort. Die Sechsunddreißigjährige rückt die Brille zurecht. Ihre Gesten sind drastisch, wie die Wut. „Denen verpasse ich einen Denkzettel“, zischt sie ihrer Bekannten zu.

Ihr Gast beruhigt: „Es sind Kinder! Keine bösen Monster.“ Frau Stankovic leistet Widerstand. „Nein. Das sind angehende Verbrecherinnen.“ Ihren Liebling Vanja aus der heilen Spielplatzwelt reißen und überfallen! Die Kleine ist noch unschuldig, voller Vertrauen. Und dann trifft sie auf drei Gaunerinnen, die ihr fast das Smartphone stehlen? Was für ein Schock für das süße Gemüt. Dagegen muss sie sofort einschreiten, ihre Tochter beschützen. „Wir bleiben hier!“ Leonie und Vanja weigern sich, den Ort des Schreckens erneut zu betreten. Also stiefelt die Büroangestellte alleine los, getrieben vom Zorn fürsorglicher Instinkte.

Frau Stankovic erreicht den Park und staunt. Aufgefädelt stehen alle Beschuldigten da. Eine Blaupause der Vernachlässigung neben der anderen. Die Mutter zügelt ihre Empörung, als sie das Totenkopfkind mit der Zigarette sieht. Sie stampft nicht mit dem Fuß, weil ein viel zu junges Gör sein Gesicht mit Schminke tapeziert. Die Sommergarderobe im April wird übersehen, eine Erkältung im Blumenkleid auch. Die Mutter hat nur ihre Tochter im Sinn, die weinend zu Hause sitzt. „Könnt ihr mir kurz helfen?“ Frau Stankovic lächelt freundlich. Hinterlistig erschleicht sich ihre Stimmlage das Vertrauen der Mädchen. Mit aufgesetzter Nettigkeit kann die Sachbearbeiterin die Täterinnen überführen. Die drei kleinen Luder tappen in die Falle und schieben sich heran. Frau Stankovic schnappt zu. „Wolltet ihr vorhin zwei Mädchen das Handy klauen?“

Den Gruppenzwang verfolgen

Das Glitzergesicht mit Hidschab markiert die Unschuldige. „Was? Das waren nicht wir. Der da drüben ist es gewesen!“ Sie deutet auf die Holzbank, zu einer Versammlung von fünf Teenagern. Die Erwachsene durchschaut diese Lüge. „Gut, dann kommt bitte mit zu ihnen. Stellen wir sie gemeinsam zur Rede.“ Das verunsichert Fräulein Schnupfnase. Hustend mischt sie sich ein: „Nein, das möchten wir nicht.“ Der mütterliche Spitzel lässt seine Tarnung fallen; „Aha. Ich glaube euch nicht. Ihr seid die Smartphone-Diebe. Meine Tochter hat mir alles erzählt.“ Ertappt minimiert das Totenkopfmädchen ihr herablassendes Lachen und steht der leichtbekleideten Freundin bei: „Ja und? Das kann jeder behaupten. Wie willst du das beweisen?” Ihr Grinsen wird wieder breiter, sie provoziert: “Hast du ein Feuerzeug?“ Der Angriff schießt Frau Stankovic aus der Fassung. „Wie alt bist du? Rauchen darf man erst ab Sechzehn. Weiß deine Mama davon?“ Ihr Tadel trifft ins Gewissen. Die drei Kleinkriminellen bringen sich in Sicherheit. Unter lautem Kriegsgebrüll sausen sie davon. Frau Stankovic versagen die Worte und das Denken.

Sie jagt den Unruhestifterinnen durch den Park hinterher. Die drei haben Leonie und Vanja unterdrückt, ängstlich gemacht! Davor kapitulieren? Niemals! Unbesonnen hetzt sie über den Asphalt, ihre Brille klebt vom Schweiß. Gut, dass sie sportlich ist und bequeme Schuhe trägt. Wohin rennt der winzige Schwadron? Die Mädchen schlagen einen Haken, erreichen das Eisentor und laufen außen an der Parkanlage vorbei. Büsche am Zaun weisen den Weg. Frau Stankovic ist klug. Sie hüpft über die Pflanzen und den hüfthohen Zaun, eine Abkürzung. Mit einem Satz kommt sie vor den Ausreißerinnen zu stehen.

Aus dem Stehgreif packt die Atemlose das florale Bündel am Kragen und pfeffert ihr eine Ohrfeige über die Wange. Danach krallt sie das Zigarretten-Miststückk am Zopf und verschnauft ein paar Sekunden. Währenddessen wirbelt die Verschleierte herum. Sie hat bemerkt, dass ihre Kumpaninnen nicht mehr bei ihr sind. „Heh“, brüllt das Mädchen, stoppt ihr Tempo und verstreut dabei etwas Glitter. Das hätte sie nicht machen dürfen. Mit dem Haarbüschel in der Faust pflügt sich Frau Stankovic heran und erhascht den Ärmel der Muslimin. Sie zwirbelt das Fleisch darunter und zwickt hinein, begleitet vom Heulen und Schimpfen in einer fremden Sprache.

„Jetzt seid ihr an der Reihe“, begründet Frau Stankovic den Rachefeldzug. Sie schmettert ihrer haarigen Beute eine Backpfeife entgegen, sodass die Zigarette auf dem Boden landet. Der hervorstehende Schneidezahn verletzt den Zeigefinger. Frau Stankovic ahndet das, indem sie ihre Nägel tiefer in die Haut der türkisch plärrenden Gefangenen bohrt. Die dritte im Bunde entschwindet. Selbstlos lässt sie ihre Kameradinnen im Stich, wohl um Hilfe zu holen. Der weiblichen Selbstjustiz ist das egal. Dann büßen eben die beiden anderen für die Missetaten aller. Sie hat wenig Hemmung, die Präpubertierenden zu bestrafen. Vor ihrer Haustüre ist unmenschlicher Gruppenzwang passiert. Und niemand übernimmt Verantwortung? Nicht mit ihr!

Opfer und Täter

Die nächste Ohrfeige, die sie austeilt, erzeugt Tränen. Gut so, keine Gnade zeigen! Sie verteidigt ihre Tochter. Damit Vanja nicht das erleidet, was sie als Kind während ihrer Schulzeit, in der Volksschule Jagdgasse, aushalten musste. Gegen einen Baum gestoßen hat man sie, im Wielandpark. Und einmal ist ihre Schultasche über den halben Reumannsplatz entleert worden. Weil sie nicht in Wien geboren ist und mit einem Akzent spricht. Weil sie ihre jugoslawische Heimat verlassen musste. Einer Gemeinschaft zugehört, die andere nicht akzeptieren. Weder in Bosnien, noch in Österreich. Vanja soll ohne Angst das Haus verlassen. Wer kann dafür sorgen, außer ihr?

Hilfe bleibt immer aus. Wo sind die Eltern dieser gemeinen Kinder? Was hat sie so boshaft gemacht? Warum mischt sich niemand ein? Jemand im Park hätte bemerken müssen, dass man Vanja bedroht. Andere Erwachsene haben gesehen, wie erbarmungslos sie dem gehässigen Trio begegnet. Der Lärm, die Plärrerei! Aber alle schauen weg. Das weiß Frau Stankovic aus eigener Erfahrung. Sie ist das Bollwerk, die Kulturkritik gegen die Verlassenheit der Kinder. Ihre Rage brennt. Denn die Hölle, das sind die anderen. Sie existiert in ihrer endgültigen Lösung, sie sagt jetzt all dem den Kampf an. Sie spricht in der einzigen Sprache, die jeder versteht. Gewalt. Die Rabiate macht eine Kehrtwende, um nach der Türkin zu sehen. Diese unterbricht ihr Sirenengetöse und gibt ein triumphierendes „Hah!“ von sich. Frau Stankovic hält inne und erkennt den Grund.

„Was machst du mit meiner Schwester?“ Vor ihr steht der größte und dickste Halbwüchsige, den die Frau jemals gesehen hat. Gemeinsam mit vier anderen Jugendlichen vom selben Ausmaß überfällt er das Schlachtfeld. Er befreit den Totenkopf und erntet dafür einen Tritt von Frau Stankovic. Seine Nasenspitze wird rot vor Wut. „Das lassen wir uns nicht gefallen!“ Der junge Bass tönt in den Ohren. Frau Stankovic vermisst ihre Tasche, die sie als Schild benutzen würde. Aber das macht nichts, sie hat Erfahrung mit provokanten Sechzehnjährigen. Bei denen ist Streiten dasselbe wie Raufen. Ihre verstreuten Schulsachen hat sie mit den Fäusten zurück gewonnen. Die Beule vom Baum ist nie wieder passiert. Sich wehren, das hat sie gelernt.

Sie schubst den Brummer weg. Der reagiert sofort. Ein Schmerz dröhnt im Gehirn der Mutter und die Nase knackst. Blut rinnt über die Haut. Sie wischt es mit dem Handrücken ab. Frau Stankovic ist nicht wehleidig. Die teure Markenbrille liegt auf dem Boden. Na und? Für den Frieden ihrer Tochter holt sie zum Gegenschlag aus. Somit prügelt sie sich jetzt und verliert. Das ist nur eine Schlacht, den Krieg gewinnt sie. Bestimmt. In der Liebe und in der Rache ist Frau Ivana Stankovic brutaler als jede Ungerechtigkeit.

Hintergrundinformation: https://www.nwerle.at/WS11_B/banal.htm

MILF FILTH Gratis online Kurzgeschichten Frauen Wien Digitalparents  3