Liebe und Leidenschaft: Maus und Kamika(t)ze

Liebe und Leidenschaft: Maus und Kamika(t)ze

Das Leben ging mit mir seltsame, tierische Wege. Manchmal rettete ich Mäuse. Oft war alles für die Katz’. Wie mir die Fauna viel Leidenschaft, einige Triebe und den Tod nahe brachte.  

Über die Unschuld

Mit vier Jahren hielt ich meine erste tote Maus in den Händen: „Schau Oma, das ist Ricky!“ Großmutter entnahm mir das bereits steife Nagetier mit weiblichem Ekel. Und erklärte, dass leblose Tiere giftig sind. Das hinderte mich nicht daran, ein Jahr später wieder eine Spitzmaus zu retten. Ich stopfte sie in einen Karton mit Luftlöchern. Am nächsten Tag war ich tieftraurig. Die Maus hatte sich frei genagt und war entkommen. Ich fand sie in der folgenden Woche, verendet im Vorkeller. Mein Kindergarten-Konsens? Mäuse können aus ihren Augen bluten. Danach stieg meine Liebe zur Fauna exponentiell. Mit sieben Jahren herrschte ich über vier mongolische Wüstenrennmäuse in zwei Käfigen. Sie waren untereinander streng verfeindet, dominante Männchen. Mit elf Jahren beschlossen meine Freundin und ich das Aquarium des Gymnasiums zu verwalten. Wir putzten drei Tage Algen vom Glas und kauften Fische. Die Guppys übernachteten in einem Eimer neben meinem Bett, bis sie im Biologiekabinett ausgewildert wurden. Die Zahl war geschrumpft. Einige hatten den Transport im Schulbus nicht überstanden. Das bremste mein Engagement keinesfalls!

Mit zwölf Jahren entdeckte ich meine abgöttische Liebe zu Pferden. Ich las nur noch Pferdegeschichten wie “Bille und Zottel”. Es war mein größter Wunsch, reiten zu lernen. Der Taufpate schenkte mir eine Stunde zum Geburtstag. Nach der ersten Reitlektion wurde mir klar, dass ich Pferde lediglich mit einem Zaun zwischen uns mochte. Auf einem Sattel waren sie mir leider zu groß, ich kämpfte mit der Höhenangst. Und lief ich neben ihnen, misstrauten meine Zehen ihren schweren Hufen. Ich widmete mich daraufhin mehr dem allgemeinen Tierwohl.

Aus Überzeugung

Das Tierheim der Stadt sollte geschlossen werden. Empört sammelten meine Mitschülerinnen und ich wochenlang Spenden sowie Unterschriften auf dem Marktplatz. Als Belohnung erwarteten wir uns Zugang zum Katzenbereich der Institution oder wenigstens ein paar Spaziergänge mit Hunden. Wir wurden bitterlich enttäuscht. Man nahm das Geld und die Unterschriftenliste gerne an. Unsere Tierbegeisterung allerdings nicht. Die Nachbarin empfand Mitleid und ließ mich mit ihrem emotional verkrüppelten Berner Sennenhund Gassi gehen. Wir mochten uns auf Anhieb. Der Riese respektierte mich und tat, als würde ich die Leine führen. Zerrte er jedoch leidenschaftlicher am Leder, schleifte er mich mühelos seinem Willen hinterher. Mit meinen dreizehn Jahren reichte die Kraft nicht gegen seine. Und noch ein Hindernis ließ unsere Beziehung abkühlen. „Arthur“ hasste alle Hunde! Begegneten wir einer Rasse, fletschte „Arthur“ die Zähne. Wir bewanderten die einsamsten Strecken des Rheinufers, aber selbst dort schrie ich bereits von weitem: „Achtung, mein Hund attackiert Ihren, können Sie kurz warten? Ich laufe anders herum!“ Ich musste „Arthur“ aufgeben, denn ich war nicht seine Alphafrau. Die Zeit jaulte nach einer hochpubertären Attitüde.

Ich fand Gefallen an einem vegetarischen Speiseplan. Berichte über Legebatterien und Schweinezucht hatten mich wachgerüttelt. Die „Greenpeace“-Hefte rührten mit grauenvollen Fotos, die mir die Lust auf Steak nahmen. Mit vierzehn Jahren beschrieb ich mich als überzeugte Vegetarierin. Außer Fisch kam mir kein Fleisch auf den Teller. Mir wurde übel, wenn ich im Supermarkt an der Fleischtheke vorbei schlenderte. Meine Mutter fand das übertrieben und schickte mich absichtlich einkaufen, wenn sie Schnitzel benötigte. Sie wollte mich therapieren. Eine Vegetarierin, mitten in den Neunzigern und das auf dem Land? Das sorgte am Mittagstisch für Diskussionen. „Eine Extrawurst brate ich dir nicht. Dann isst du halt die Beilagen!“

Neue Zeiten, alte Sitten

Das stellte mich zufrieden. Ich frönte meinem fleischlosen Lebenswandel und kümmerte mich semi-hingebungsvoll um die mongolischen Wüstenrennmäuse. Auf diese Weise drückte ich meine Tierliebe aus. Genügend Positionierung für die nächsten Jahre. Die Rennmäuse starben in einem hohen Alter, als ich sechzehn war. Vegetarierin blieb ich länger. Erst mit Dreiundzwanzig wachte ich eines Nachts angeschwipst auf und verspürte das unbändige Verlangen nach einer Käsekrainer. Der Würstelstand beim Studentenheim unten an der Straße hatte noch offen. Ein unspektakuläres Intermezzo. Am nächsten Morgen hätte ich die Wurst fast vergessen. Wären mir nicht der Senffleck und ein gewisser Geschmack beim Rülpsen durch den Restalkohol aufgefallen.

Die Grillsaison begann, ich schloss mein Dasein als Vegetarierin endgültig ab. Auch meine Tierliebe verringerte sich, mit jedem Fleck Taubenkacke, den ich in der neuen Großstadt entdeckte. Ich nannte die Parasitenträger die “Ratten der Lüfte”. Nachdem ich Kinder geboren hatte wurde es noch schlimmer. Das Vogelgezwitscher belästigte die Kleinen während ihres Mittagsschlafes. Die Hundehäufchen auf dem Spielplatz zeugten von der Fahrlässigkeit aller Köter auf dieser Welt. Nein, Tieren konnte ich nichts mehr abgewinnen. Ich musste mich um meinen Nachwuchs kümmern und nicht um irgendwelche Vierbeiner.

Doch eben diese Kinder wünschten sich eines Tages sehnsüchtig ein Haustier. Sie bettelten monatelang und ich gab nach. Eine Wohnungskatze sollte es sein, entgegen all meiner Prinzipien. Also durchforstete ich das Internet nach abzugebenden Babykatzen und fand den passenden Wurf. Kratzbaum zusammengebaut, Futter in die Schüsseln – wir waren bereit für einen Stubentiger. „Lana“ entzückte uns als einzige schwarze Katze aus ihrer Familie von Anfang an. „Sie und keine andere“, lautete der Aufschrei meiner Kinder. Glücklich fuhren wir mit dem dunklen Fellknäul im Gepäck nach Hause.

Von der Liebe

Sie war die Schönste. Pechschwarzes Fell, orange Augen, ein feiner Kuschelflaum am Bauch. „Lanas“ Kindchenschema mit den vertrauensvollen Augen liebkoste mich vom ersten Tag an. Zärtlich schmiegte sie ihren Kopf an meinen, wild spielte sie mit den Kindern. Wenn ich unter Rückenschmerzen litt, erkannte sie die Stelle, wo es weh tat. Und massierte mich mit dem weichen Körper. Vergaß ich die Dusche und müffelte, blieb sie dennoch bei mir unter der Decke. Wunderbares erstes Jahr! Doch dann nahm das Schicksal seinen Lauf, seine Läufigkeit. „Lana“ wurde rollig. Entsetzt beobachtete ich, wie sich das unschuldige Kätzchen zu einem notgeilen Monster entwickelte. Sie miaute in Tönen, die mir unangenehm waren. Sie leckte sich ihre Öffnungen, bis sie unmissverständlich zufrieden brummte. Peinlich berührt konnte ich „Lana“ kaum mehr in die Augen blicken. „Mama, was hat sie?“, wollten die Kinder erstaunt wissen. Widerwillig leistete ich Aufklärungsarbeit.

„Die gehört sterilisiert“, schimpfte meine Mutter. „Du musst sie ficken lassen“, riet mir mein zehn Jahre jüngerer, opportunistischer Freund. Er besaß einen Kater, den er mir für Zuchtzwecke gerne auslieh. Die Kinder waren begeistert. Niedliche Babykatzen! „Juhu, Mama. Der Ivan soll seinen Kater zu uns bringen.“ Die Mehrheit überzeugte mich. Aber „Lana“ war mit dem Männerbesuch überhaupt nicht einverstanden. Obwohl das Weibchen kleinwüchsig anmutete, wagte sich der dicke, bulgarische Straßenkater nur zögerlich aus seinem Transportkorb. „Lana“ verteidigte augenblicklich ihr Revier. Mit eingeklemmtem Schwanz versteckte sich der Eindringling. Und tat in seiner Verzweiflung das, womit wir rechnen hätten müssen. Er signierte jede Ecke in meiner Wohnung. Dieser Protest projizierte die Verkörperung seiner Potenz an die Wände, einhergehend mit einem beißenden Odeur. Ich wusste nicht, dass Duftnoten von Katern dermaßen stanken. Und der Geruch verflüchtigte sich nicht. Obschon ich alle markierten Stellen und Gegenstände gründlich gereinigt, desinfiziert, ja sogar darüber gestrichen hatte. Ich war latent sauer auf Ivan. Der hätte mich vorwarnen können.

Verlorene Erwartungen

Da saß ich, in meiner markierten Wohnung, mit einer beleidigten Katze. Sie wollte sich nicht irgendeinem Wildfremden hingeben und betrachtete mich seit dem gescheiterten Verkupplungsversuch mit andern Katzenaugen. Ihre bedingungslose Liebe erlosch. Sie pisste mir regelmäßig auf das Kopfkissen. Explizit dorthin. Weil sie wusste, dass sie mich damit zur Weißglut brachte. „Lana“ begann, ihre Krallen an der Couch zu wetzen, die Tapeten zu zerfetzen. Jede neue Innenausstattung ähnelte bald einem Kratzbaum. Den wiederum vermied sie. Sie urinierte zudem würdevoll neben das Katzenklo. Als Geste der absoluten Gleichgültigkeit. Sie wischte ihren Hintern nach dem Scheißen vorzugsweise auf dem hellen Teppich ab. Und sie kotzte regelmäßig das Trockenfutter in die Kinderzimmer. Nein, schnuckelig und brav, das durfte man die Katze nicht mehr nennen!

Ich beschloss, dass die Zeit hoffentlich alle Katzenwunden heilte. Mit Geduld und Liebe fand „Lana“ bestimmt wieder ihre zuvorkommende Natur. Monate verstrichen. Wir bissen alle die Zähne zusammen und hielten uns die Nase zu. Kauften das teure Katzenfutter, die Kinder spielten aufopfernd mit ihr. Doch das half alles nichts. „Lana“ blieb das pinkelnde Biest in unserer Mitte. Gähnend saßen wir am Frühstückstisch. Keiner ergatterte genügend Schlaf. Das Tier mauzte in der Nacht oder weckte uns mit ihrem Po im Gesicht. Meine Charakterstärke bröckelte Nacht für Nacht mit den verlorenen Stunden Tiefschlafphase herab. Meine Willen schien gebrochen. Der einzige Rückhalt, den ich noch besaß, waren der Teppichreiniger und mein Schwamm. Und irgendwann drehte ich durch!

Verhängnis und Freiheit

Übernächtigt, gereizt und ohne Kopfkissen lag ich im Bett und hielt es nicht mehr aus. „Lana“ vollführte ihren Kratzübungen im Zimmer nebenan. Ivan schlief in seiner Wohnung. Niemand da, der mich beruhigte. Ich blickte auf die Uhr. Dreieinhalb Stunden Schlaf verblieben mir, morgen war ein anstrengender Tag. Eine Präsentation plus Feierlichkeiten am Abend. Wie konnte ich das durchstehen? Ich erhob mich, um die Katze ins Badezimmer zu jagen. Dort sollte sie ein paar Stunden ausharren. Die Kacheln fingen ihre Geräusche ab. Doch der Quälgeist ließ sich nicht aus dem Raum hetzen. 

Ich lehnte mich an das massive Bücherregal und schluchzte, gleich einem von “Arthur” gebissenen Terrier. Es war aussichtslos. Morgen sprach ich vor vielen Menschen – und das ausgezehrt und benommen. Noch dazu würde ich aussehen wie ein toter Guppy. Scheißkatze! In mir drängten sich destruktive Gedanken nach vorne. Vielleicht verschwand das Mistvieh zur Wohnungstüre hinaus, wenn ich diese offen ließ? Ob ich das einzige Fenster ohne Katzengitter sperrangelweit aufreißen sollte? Damit das Luder vom ersten Stock runter auf die Straße sprang. Um halbvier Uhr morgens reichte es. Ich wollte „Lana“ loswerden. Die Plage musste weg, sofort! Meine Katzenpisse-Trigger hatten gewonnen. Ich entschied mich für einen radikalen Plan. Tschüss, Katze!

Der Weg in die Katzenfreiheit lud „Lana“ ein. Das ging ihr am Allerwertesten vorbei. Sie putzte sich seelenruhig in einer Nische, wo ich sie nicht erhaschen konnte. „Lana, komm schon“, lockte ich sie und legte ein paar Leckerli auf das Fensterbrett. Schob die Topfpflanzen vorsorglich aus der Bahn. Eine Viertelstunde übte ich mich in Geduld. Das Warten änderte nichts. Ich musste die Katze persönlich zum Fenster scheuchen. Die Müdigkeit machte mich schwerfällig. Ich rückte das Sofa zur Seite, damit sich das Tier nicht darunter versteckte. Die Wut, der verlorene Schlaf, die Bestie! „Raus mit dir!“ Die Katze erkannte, was ich vorhatte und trat den Rückzug an. Ihr Ziel war ein Kasten, der sie vor mir beschützte. Diese Taktik wollte ich vereilten und rannte zum Bücherregal. Wenn ich es umstieß, versperrte ich damit „Lana“ den Weg zum Versteck. Dann musste sie unwiderruflich durch das offene Fenster flüchten. Gesagt, getan!

Abschiedsschmerz

Tränen verwischten meine Sicht, aufgelöst drückte ich am Massivholz. Endlich kippten die schweren russischen Romane und die Enzyklopädien. Da fiel es um, das Regal. Zuerst langsam, dann mit ganzer Wucht. „Lana“ wich einem Buch aus. In die falsche Richtung. Einmal in Schwung, hätte selbst Ivan die Lektüre und das Holz nicht mehr aufgehalten. Mir stockte der Atem. Stille umhüllte den grausigen Unfall. Die Kinderzimmertüre ging auf. “Mama?” Ich flitzte in den Flur hinaus. “Alles gut, schlaf weiter. Es ist etwas auf den Boden gefallen.” Die ältere Tochter kroch zurück in den Schlaf. Mein Magen stach. Die Katze war vom Regal getroffen worden. Ich rauchte eine Zigarette. Danach befand ich mich in der Lage, das Debakel in Augenschein zu nehmen. Was für eine Sauerei! „Meister und Margarita“ von “Bulgakow” hatte es besonders schlimm erwischt. Die Taschenbuchausgaben der “Hemmingway”-Serie hingegen wogen weniger. Sie waren oben auf dem Chaos gelandet. „Lana“ starb zum Glück in der Sekunde des Aufpralls. Das redete ich mir zumindest ein. Ich übergab mich beim Wegwischen und Aufräumen zweimal. Der Wohnzimmerteppich erhielt einen neuen Platz. Mein Wecker läutete.

Den Kindern und Ivan erzählte ich, die Katze sei aus dem Fenster gesprungen und weggelaufen. Meine Schuld, natürlich. Die vier verteilten Zettel und suchten lange nach dem Haustier. Der Kleinste weinte herzzerreißend. Ich hielt die Präsentation im Halbschlaf und Schockzustand ab. Den Müllsack entsorgte ich heimlich im Restmüll, nicht im Biomüll. Danach schliefen wir alle endlich wieder durch.

Ivan liest nicht viel. Die fehlenden Bücher aus der Nacht des Katzenmordes sind ihm nie aufgefallen. Die umgestellte Wohnzimmergarnitur gefällt ihm. Dann und wann plagen mich Albträume. Von “Bulgakow” und orangen Augen. Manchmal vermisse ich „Lana“. Ab und zu wache ich auf und denke, ich rieche ihre Pisse. Das macht mich ärgerlich und traurig zugleich. Sie war die Schönste.

Hintergrundinformation: https://www.youtube.com/channel/UCH6vXjt-BA7QHl0KnfL-7RQ

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