SUSIS KNALLFRÖSCHE

SUSIS KNALLFRÖSCHE

Bis ins Unendliche multipliziert sich das Leid von Frau Julia Wakolbinger an Silvester. Die Strophen dieser Geschichte verführen nicht durch Dynamik, sondern ganz klassisch. Mit der Medusa. 

Weiße Götter im Zimmer

„Das ist die Patientin.“ Die Delegation zögert sich hinein. Niemand will zum Krankenbett, das in der Nachsorgestation der plastischen Chirurgie steht. Direkt neben dem sein, was von Frau Julia Wakolbinger wieder verwertbar ist. Zwischen Folie und Atem, da vegetiert die Fünfundzwanzigjährige. Verkohlungen operiert, im Landeskrankenhaus, vom Primararzt Strauss persönlich. Schmerzen sediert mit Midazolam. Das Inventar misst Sauerstoffsättigung und Puls, zeigt Sterilität im Raum. Als der Assistent notiert, verfolgen grüne Augen den Kugelschreiber. Ein Protokoll der Tat, die voller Doppelzüngigkeit zischt.

„Ich bin das Opfer!“ Julia durchschaut den Haufen. Ein Sammlung Ärzte, die behaupten, sich zu sorgen. Der Körper ist im Dämmerzustand, die Kanüle des Tracheostomas geblockt. Luft in der Lunge, nicht im Kehlkopf. Die Stimme fehlt. Augen, die denken. Das Gehirn kann nur kopieren und einfügen. Ohren begreifen. Eine Abordnung von Unverständnis mit Stethoskopen und zwei Männer in Uniform. Was wissen sie schon? Die Erschütterungen der drei Schachteln „Kubische Kanonenschlag“ und fünf Riesenpackungen „Super Nova“ machen einzig das Zimmer schwindelig. Julia bleibt still liegen. Wozu Notizen schreiben? Die Winternacht hat das Inferno eingefroren.

„Was für eine arme Frau!“ Gedanken von vielen, einer spricht sie aus. Der geschäftsführende Oberarzt der Abteilung bringt den Justizbeamten zum Nicken. Langsam, die Patientin braucht Ruhe und Monate an Pflege. Silvester birgt Risiken, Unmengen an Feuer und Sekt. Ein Unglück kommt selten alleine, das medizinische Personal ist überlastet. Aber die Explosion von letzter Woche hat Kinder getötet. Seelen verbrannt und befreit. Frau Wakolbingers Unfall füllt Seiten in den Nachrichten und Gemeindeblättern. Daher müssen alle hier sein. Und ihre Unterschriften hergeben.

Das Pulverfass 

„Ein verheerender Abend!“ Der Plastiksack mit den Raketen und den Böllern fällt vor Mitternacht ins Lagerfeuer. Hinter dem Einfamilienhaus der Wakolbinger. Die Schaukel und Rutsche flackern unnatürlich, im weitläufigen Garten. Jemand auf der Wiese bemerkt die Tragtasche. Wie der Beutel sich windet. Der Ehemann von Julia schreit und die Erwachsenen flüchten. Mit ihren kleinen Kindern. Weg vom Rasen, hin zum Parkplatz, der Garage. Schützender Beton, rettendes Blech! Ein paar Schritte entfernt, unmöglich, rechtzeitig zu erreichen. Funken fliegen, roter Phosphor sengt. „Amelie!“ Eltern brüllen die Namen ihrer Söhne und Töchter, vergebens. Das Getöse ist lauter, stärker. Die brennende Grube gewinnt.

„Die ganzen Verletzten!“ Der Vater von Frau Wakolbinger kämpft mit Nierenversagen, die Tante schläft auf der Intensivstation. Das Nachbarmädchen Amelie Riepl ist tot, Verwandte sind für immer entstellt. Wunden lügen nicht? Rationalität ist schwer zu finden, wenn man Leid diagnostiziert. Vorwürfe dürfen nicht auf dem Papier stehen. Doktor Strauss blickt auf Hände, die ins Feuer gelegt wurden. Für eine Wundinfektion. Ein Brauch verschwendet Geld und Leben. Wen wundert es, dass Realität ihre Rache nimmt? Die Familie hat das das drohende Unheil missachtet.

„Susis Knallfrösche!“ So heißt eine kleine Holzhütte, die ab den Weihnachtsfeiertagen geöffnet hält und den Supermarkt im Dorf ziert. Dort bieten die Mitarbeiter Zubehör für das Neujahrsfest an. Glücksschweinchen aus Marzipan, Rauchfangkehrer für die Regale. Und Pyrotechnik. Kiloweise Leuchtkörper, Schweizer Kracher und China Böller schleppen Julias Mann und sein Bruder in die Kofferräume. Stundenlang frieren die Gäste und Kinder aus der Nähe am Silvesterabend ihre Zehen im Freien steif. Die Zuschauer harren in der klirrenden Dunkelheit und bewundern das Spektakel. Begleiten mit Gejohle die Lichtblitze, die in den Pupillen glänzen.

Ihre eigene Entscheidung

„Es hat alle schlimm getroffen!“ Frau Wakolbinger steht beim Lagerfeuer, als die Katastrophe passiert. Zum ersten Mal seit ihrer Jugend ist sie dabei, im Garten. Eigentlich fürchtet sich die Hausfrau vor Detonationen. Sie mag kein Feuer, aus Angst vor Verbrennungen. Das sagen Augenzeugen und die Familie Riepl. Deswegen ist Frau Wakolbingers Zustand derart kritisch. Der körperliche und emotionale Schock, in einer verhängnisvollen Finsternis zur Entzündung manifestiert. Die Ärzte bemitleiden das Häufchen Asche. Ihr Schweiß stockt auf der Stirn, vom Opioid Fentanyl. Warum ist die Bankangestellte in Karenz nicht im Wohnzimmer geblieben, wie gewohnt?

„Ein Ausrutscher.“ Die Berge im Hintergrund hallen bei jedem Knall, doch das ist Julia egal. Sie hat einen Glühwein getrunken und bleibt tapfer. Weigert sich, alleine im ersten Stock zu warten, während die anderen Spaß haben. Obwohl drinnen Köstlichkeiten locken. Der Kartoffelsalat bleibt unberührt. Die belegten Brote gleichsam. Die Brünette schlittert auf dem starren Rasen. Heuer schluckt sie den Ärger runter, weil sie umsonst in der Küche geschuftet hat. Dieses Jahr lacht die Mutter von zwei Kleinkindern gesellig. Heute bringt sie ihre eigene Treibladung an Raketen und Böllern. Nicht nur die Angehörigen. Fest in der Hand hält Julia die Geschosse und tapst auf dem Schnee zum Lagerfeuer. Das Eis auf dem Boden ist gefährlich, genau wie sie.

“Prosit Neujahr!”

Hintergrundinformation: https://www.derstandard.at/story/2000055308943/nirgendwo-wird-mehr-morphin-konsumiert-als-in-oesterreich

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