TOTE KATZEN PISSEN NICHT

TOTE KATZEN PISSEN NICHT

Eine Kurzgeschichte über Tierliebe in Zeiten des Katzenjammers. Vom Krieg und Frieden mit Haustieren, Sinn und Sinnlichkeit der Urinstinkte, Masse und Macht eines Bücherregals. Das Geständnis einer brutalen Katzenmörderin.    

“Krieg und Frieden”  

Ich heulte am Bücherregal meines Wohnzimmers zwischen Lexika und Lektüre. Zwei Stunden bis zum Klingeln des Weckers. Dann musste ich frisch für den Workshop und die Präsentation “Kommunikation im Prozessmanagement” sein. Doch unsere pechschwarze Bombay-Katze „Charlotte“ verhinderte meinen Schlaf mit Scharren und Mauzen. Stolz umrundete sie ihren warmen, braunen Haufen, er zierte das abgewetzte Sofa. Der flüssige Teil ihres Stoffwechsels befeuchtete mein Kopfkissen im Schlafzimmer nebenan. Seit Monaten verhielt sich das Tier ungeheuerlich. Und in dieser Nacht kratzte sie dermaßen an meiner Resistivität, dass ich zur Katzenmörderin wurde. 

„Sie und keine andere“, lautete die Entscheidung von Nora und Fabian, als ich vorletzten November im Internet nach dem passenden Haustier für unsere kleine Familie suchte. „Charlottes“ Kindchenschema mit den vertrauensvollen orangen Augen und dem Kuschelflaum am Bauch liebkosten auch mich vom ersten Tag an. Litt ich unter Rückenschmerzen, massierten ihre tröstenden Tatzen die ungelenke Stelle. Vergaß ich die Dusche und müffelte, blieb sie bei mir unter der Decke. Zärtlich schmiegte sie sich an meinen Hals, wild spielte sie mit dem Sohn und der Tochter. Aber dann war „Charlotte“ rollig.  

“Sinn und Sinnlichkeit” 

Das schnurrende Kätzchen mutierte zu einem lasziven Biest. Sie leckte ihre Öffnungen, bis sie unmissverständlich zufrieden brummte und ich peinlich berührt wegschaute. Streichelten wir die Mieze, drehte sie sich in eine eindeutige Position. „Die gehört sterilisiert“, schimpfte meine Mutter. „Lass sie ficken“, riet mir Ivan, mein zehn Jahre jüngerer Freund. Er besaß einen weiß-braunen Kater, den er mir gerne für Zuchtzwecke ausleihen wollte. Die Kinder klatschten begeistert. Niedliche Kitten! Ich zeigte mich mit dem Männerbesuch einverstanden, „Charlotte“ hielt dagegen.  

Die Hausherrin verteidigte pfauchend ihr Revier und ihre Unschuld, sodass man Ivans dicken, bulgarischen Straßenkater kaum aus seinem Transportkorb locken konnte. Er verschanzte sich in der Küche vor der Furie. Krallen und gesträubter Pelz gingen nicht mit seiner Vorstellung von Romantik einher. Trotzdem schaffte er es später, jede Ecke der Wohnung mit seiner verschmähten Potenz zu signieren. Ein beißendes Odeur. Und die Duftnote verflüchtigte sich nicht. Wie „Charlottes“ brüskierte Stimmung. Nach dem gescheiterten Verkupplungsversuch nahm sie an uns Rache.

“Die Kunst des Liebens”  

„Charlotte“ verschmähte von nun an die Katzentoilette und pinkelte belehrend auf mein Bett. Ihren Hintern wischte sie nach dem Geschäft auf hellen Textilien ab, weil dort pittoreske Streifen blieben. Als Kratzmöbel akzeptierte sie jeden Einrichtungsgegenstand, nur nicht den Kletterbaum. Nora und Fabian zog sie ebenfalls zur Rechenschaft und kotze ihnen regelmäßig das Trockenfutter ins Kinderzimmer. Alleine Teppichreiniger und Schwamm boten mir Rückhalt. Zudem machte uns der Störenfried durch anhaltenden Schlafentzug mürbe. Nerven schwanden, Kummer benetzte die Buchrücken. 

Um vier Uhr achtundzwanzig war mein Pflichtbewusstsein aufgebraucht. Ivan übernachtete in seiner Wohnung, keiner anwesend der mich beruhigte. Die beleidigte Katze wilderte meine destruktivsten Gedanken aus. Überall im Raum witterte ich Fäkalien. Meine Wohnung – ein dreckiger, lauter Käfig. Damit war jetzt Schluss. Das randalierende Vieh musste weg. Sofort! Die Lösung befand sich vor mir: unser einziges Fenster ohne Katzengitter. Ich würde es weit aufreißen. Hoffentlich sprang die Bestie vom ersten Stock ins Stadtleben hinunter. Keine kaputten Möbel mehr, endlich schlafen. 

 “Masse und Macht” 

Der Durchlass in die Katzenfreiheit stand sperrangelweit offen.  „Charlotte“ brütete auf ihren Beinen und formte sich zu einer Katzenschnecke. Nach draußen wollte sie nicht. Fröstelnd und im Pyjama nahm ich keine Rücksicht auf die Gemütslage der Diva. Ich scheuchte meine Beute mit Zischen durch das Zimmer, aber sie zog sich unter das Sofa zurück. Das verstärkte meinen Jagdtrieb. Ich kippte die Couchgarnitur und blockierte somit das Versteck. Entsetzt flitzte das Untier zum hohen Bücherregal, das sie beschützen sollte. Nicht mit mir! 

Den Rückzugsort versperrte ich „Charlotte“. Wenn ich die Bücherwand umwarf, dann gab es für den Stubentiger nur die Möglichkeit, über das Fensterbrett auszuweichen. Schnell! Ich wirbelte herum und drückte am Massivholz. Die schweren russischen Romane und Enzyklopädien prasselten zuerst langsam, Sekunden später mit ganzer Wucht auf „Charlotte“ ein. Die Katze rettete sich mit einem Haken, allerdings in die falsche Richtung. Das Regal lauerte vor ihr, ein unüberwindbares Hindernis. Einmal im Schwung, hätte selbst Ivan das Unglück nicht aufgefangen. Der Bücherkasten stürzte durch den Regen aus Literatur und erschlug das Fellbündel. 

“Wie wirklich ist die Wirklichkeit” 

Der Knall der Bretter, das Flattern der Seiten und der Todesschrei von „Charlotte“ verewigten sich in meinem Gedächtnis. Ihr schwarzer, buschiger Schwanz lugte unter dem Haufen hervor. “Mama?” Ich trat ich in den Flur hinaus, dressiert auf die Frage meines Kindes. “Alles in Ordnung.” Nora kroch zurück in den Schlaf. Ich schloss das Fenster und Rollläden. Danach drehte ich das Licht auf. Lange Schatten umzäunten den Kadaver wie Fangzähne. Was für eine Sauerei!  

Das leere Regal ließ sich mühelos aufrichten. Meine Tierliebe hingegen war für immer besudelt. Zusammen mit vielen Büchern und dem Teppichboden. Reste der Katze klebten sowohl an „Meister und Margarita“ von “Bulgakow”, als auch an den leichteren „Hemingway“- Taschenbuchausgaben. Ich holte den Putzeimer und rieb Reinigungsmittel in die grausige Blutlache. Der Magen und der Schaum aus „Charlottes“ Innereien blubberten. Zwei Beruhigungstabletten halfen. Dann erhielt der Wohnzimmerläufer einen neuen Platz über dem Schandfleck. Die zerquetschten Gebeine und beschmutzte Belletristik entsorgte ich im Restmüll, nicht im Bio-Abfall. Mein Wecker läutete. 

“Die Wanderhure”  

Den Kindern und Ivan erzählte ich vom ursprünglichen Plan, die Katze sei aus dem Fenster gesprungen. Meine Schuld, meine Nachlässigkeit. Fabian trotzte über seinem Frischkäsebrot. Nora bestand darauf, dass nur Ivan mit ihnen Zettel verteilen durfte. Das taten sie den ganzen Nachmittag und die nächsten Tage lang. Ich trug meine Gewissensbisse heimlich und “Kommunikation im Prozessmanagement” im Halbschlaf und Schockzustand vor. Bis heute weiß niemand, dass ich eine Katzenschlächterin bin.  

Ivan liest wenig. Die fehlenden Bände aus der Nacht des Katzenmordes bleiben unbemerkt. Unsere umgestellte Wohnzimmergarnitur gefällt allen, der Teppich harmoniert mit dem Regal. Nora und Fabian sind mir nicht mehr böse, dank einer Entschuldigung mit “Chicken-Nuggets”. Ein ruhiges Jahr, in einem sauberen Appartement. Doch in letzter Zeit plagen mich Albträume. Von “Bulgakow” und orangen Augen. Ich rieche sogar „Charlotte“ und ihrer Pisse wieder. Denn mein Freund und die Kinder sprechen von einem Labrador, den sie gerne hätten. Große Hunde kann man weder aus dem Fenster schubsen, noch im Restmüll deponieren. 

Hintergrundinformation: https://www.youtube.com/channel/UCH6vXjt-BA7QHl0KnfL-7RQ

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