World of Warcraft: Rückblick einer betagten Nachtelfe

World of Warcraft: Rückblick einer betagten Nachtelfe

„Shadowlands“, die achte Erweiterung des erfolgreichen Online-Spiels „World of Warcraft“ verspätet sich. Um die Wartezeit zu überbrücken, erzähle ich vom ruhmlosen Ende meiner Druidin, einer Nachtelfe namens Lychiele. Nach sieben Jahren Kampf streckte sie alt und einsam den Zauberstab nieder. Besiegt von einem überraschenden Feind: ihrem Geisterserver.

Der Beginn: Ruf aus Azeroth 

(2005) Ich versteckte Lychiele hinter einem Felsen. Bereit, den Zorn meiner Druidin gegen einen Haufen Monster aus dem Volk der Nagas einzusetzen. Die Schlangenwesen kämpften gegen vier meiner Gruppenmitglieder, auf Leben und Tod. Alleine hätte ich keine Chance gehabt. Es gab zu viele von den Bösen im Dungeon. Ein Zwerg und ein Gnom stießen mit ihren Schwertern ins Fleisch der Reptilien. Schräg neben mir linderte eine Heilerin die Verletzungen unserer Krieger. Ich musste vorsichtig mit der Distanzwaffe sein, damit das Sternenfeuer präzise die Nagas traf und nicht im Dunkeln verpuffte.

Als das Spektakel vorbei war und überall tote Körper in der Höhle lagen, zündete ich mir eine Zigarette an. Mein Herz klopfte. Endgegner machten mich nervös. Schlachtzüge mit der Gilde, oder Wettkämpfe in der Arena ebenfalls. Lieber erledigte ich fleißig Aufgaben und sammelte dadurch Erfahrungspunkte und höhere Level.  Völlig anders spielten die Bewohner der Studenten-WG, in der ich mich oft befand. Sie zockten angriffslustig und erfolgreich.

The burning Crusade: Aufstieg und Niederlage

(2007) Die Herren aus der Nachbarschaft erbeuteten Goldmünzen und Waffen, die nur in meinen kühnsten Nachtelfen-Träumen glitzerten. Ich blieb stundenlang bei den Jungs, damit sie mich in den Dungeons beschützten. Das Sonnenlicht tauschte ich ein, gegen den Anblick eines frustrierten Zwanzigjährigen, neben mir im Wohnzimmer. Er schaute genau so finster in den Bildschirm, wie der Zwergen-Krieger bei den Nagas.

Sein Account war vor kurzem gehackt und geleert worden. Die verlorene Zeit, das Geld! Der Hersteller hatte Mitleid gezeigt und einige der geraubten Dinge ersetzt. Ein schwacher Trost. Ich bemühte mich, weniger zu fluchen. Immerhin besaß ich noch meinen Zauberstab! Der Vorsatz hielt nicht lange. Die Internetbandbreite von damals ruckelte an den Nerven meiner erleuchteten Druidin. Und die zwischenmenschlichen Konstrukte. Meine „World of Warcraft“- Liebe war ein Schlachtfeld.

Wrath of the Lich King: Beziehungsinstanzen

(2008) Dann und wann gab es Besuch in der Wohngemeinschaft. Orcs und Untote, die zur gegnerischen Fraktion der Horde zählten, mischten sich in unserer Allianz. Es entsprang ein zartes Band zwischen meiner Druidin und einem Schurken, vom Volk der Tauren. Doch das Glück zerbrach eines Tages, zusammen mit meinem Laptop, der kaputt ging. Mein Freund und ich mussten uns einen PC teilen und dementsprechend die Spielzeiten halbieren. Lychiele verlangte ihm zu viel ab. Der Schurke stahl sich davon.

„Make love, not World of Warcraft“, erinnerte der mittlerweile wieder reiche Zwerg an den Titel des Southpark-Specials. Eines der letzten aufmunternden Kommentare aus der Studenten-WG. Bevor sie sich auflöste. Die Freundinnen waren attraktiver als die Spielfiguren geworden. Daher ging es mir bald ähnlich, wie den Schülern aus Southpark. Ich jagte zwar keine wehrlosen Wildschweine, aber meine Gegner durften kaum kräftiger sein, als meine Druidin. Ich kämpfte ab jetzt ohne Gefolgschaft. Eine kleine Nachtelfe gegen zehn Berserker. Mein Sternenfeuer, das unermüdlich niederprasselte. Eine Sekunde unaufmerksam und ich landete auf dem Friedhof. Ich starb oft. Und mein Bauch wuchs. Die Tochter streifte mit mir durch Tiefenheim.

Mists of Pandaria: Der Anfang vom Ende

(2012) Zwanzig oder dreißig Widersacher auf einer verlassenen Anhöhe. Mit jeder Sekunde sank mein Mana und die Lebenskraft. Hilfe von Mitspielern blieb aus, stattdessen gab es Angriffe von Raubtieren aus dem Hinterhalt. Ich musste fliehen, rannte vor dem Tod weg. Erhob mich in die Lüfte. Druiden sind Gestaltenwandler. Doch selbst als Vogel erspähte ich nur noch die roten Buchstaben der Feinde. Die blauen Schriftzüge der Allianz tauchten nicht mehr auf, obwohl ich die Landschaften abflog. Ich wartete bei den Instanzen, suchte Städte und Dörfer ab. Niemand da. Mein Realm wurde zum Geisterserver.

Ein Hauptteil der Spieler hatte im Laufe der Zeit eine unerreichbare Kampfkraft erworben. Sie lungerten in den Gebieten der Erweiterungen herum. Der Zutritt war mir verwehrt, weil ich mich weigerte, das aktuelle Add-On zu kaufen. Wer nahm dicke Pandabären ernst? Es gelang mir nicht. Andere aus meiner Generation dachten wohl gleich, wir bewegten uns weit über dem Durchschnittsalter und Geschmack. Als Mutter fühlte ich mich bei draufgängerischen Aktionen mulmig. Die Hormone ließen meine Druidin schwächeln. Und schließlich tat ich das, wofür Nachtelfen bekannt waren.

Offline, im unendlichen Realm

(2013) Lychiele fiel in den ewigen Schlaf, bewacht von Cenarius, dem Gott der Druiden. Ich hätte den Geisterserver wechseln können. Neu anfangen und Allianzen suchen. Sieben Jahre war ich in dem Spiel unterwegs, hunderte von Stunden. Doch ich entschied mich, die Welt zu verlassen. Das Gemetzel war mir nicht mehr wichtig. Trotzdem starb meine Nachtelfe in der Schlacht. Aufrecht stehend, einer Schadensverursacherin ebenbürtig. Niemand bemerkte ihren Tod, in der Einöde des leeren Realms. Keiner sah, dass die Nachtelfe mit Level achtzig dahin schied. Die leuchtend grünen Haare immer noch aus der Ferne erkennbar. Sie hatte sich gut gehalten, für ihr Alter.

Abschiedshymne: „Die Horde rennt!“

Bild Copyright: https://www.flickr.com/photos/sobcontrollers/3711433740

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